Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut: Hochwasserschutz stockt, Retentionsbecken noch nicht gebaut
Ahrtal, 13. Juli 2026
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Kurzfassung
Fünf Jahre nach der verheerenden Flut im Ahrtal sind längst nicht alle Schäden behoben, und der flächendeckende Hochwasserschutz lässt weiter auf sich warten. Im Raum stehen 17 mögliche Standorte für Rückhaltebecken – doch ob sie tatsächlich gebaut werden, ist offen.
Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal ist der umfassende Hochwasserschutz im Kreis Ahrweiler noch nicht umgesetzt, und 17 mögliche Standorte für Rückhaltebecken sind bislang nicht realisiert.
Fünf Jahre nach der verheerenden Flut im Ahrtal sind die Schäden an Erft, Kyll und vor allem an der Ahr noch immer nicht vollständig behoben. „Fünf Jahre ist die Hochwasserkatastrophe jetzt her" – so bilanziert SWR Aktuell in seiner Serie „5 Jahre nach der Ahrtal-Flut: Schicksal als Chance?". Viele Betroffene kämpfen weiter mit den Folgen der Katastrophennacht vom Juli 2021.
Im Ahrtal hatte das Wasser in der Flutnacht bei manchen Häusern bis in den zweiten Stock hinaufgestanden – ein Pegel, der sich baulich kaum verhindern lässt. Beim Jahrhunderthochwasser 2016 lag der Pegel der Ahr nach Angaben aus dem Bericht bei 3,50 Metern. Während der Flut 2021 wurde am Ende eine Höhe von zehn Metern erreicht – „Am Ende waren es zehn Meter." Schon am Nachmittag vor der Flut hatte die Feuerwehr laut den Schilderungen gewarnt, es könnten bis zu sechs Meter werden.
Der Bonner Geograph Thomas Roggenkamp beschreibt die Gefahr, die weiterhin von dem Fluss ausgeht: „Das Potenzial für eine solche extreme Sturzflut, ein extremes Hochwasser wie 2021, das steckt in diesem Fluss drin." Roggenkamp hält es wegen des Klimawandels für wahrscheinlich, dass extreme Wetterereignisse häufiger auftreten – und dass künftige Hochwasser im Ahrtal potenziell noch größer ausfallen könnten. Auch Lothar Kirschbauer, Professor für Siedlungswasserwirtschaft und Wasserbau an der Hochschule Koblenz, teilt diese Einschätzung: „Wir wissen, dass es diese extremen Ereignisse häufiger geben wird… wird auch mehr Wasser in der Luft sein. Das heißt, es kann durchaus sein, dass die Ereignisse noch größer werden."
Als Konsequenz aus der Flut wurde das gesamte Einzugsgebiet der Ahr mit einer Fläche von rund 900 Quadratkilometern untersucht. Dabei sind nach den Angaben aus den Berichten 17 potenzielle Standorte für Rückhaltebecken identifiziert worden, die im Falle eines großen Hochwassers Schäden deutlich verringern könnten. Insgesamt sollen im Quellgebiet der Ahr 18 Hochwasserrückhaltebecken entstehen. Die Kosten beziffert der Kreis Ahrweiler auf rund 1,7 Milliarden Euro.
17 Standorte, 1,7 Milliarden Euro – noch ungewiss
Zugleich ist offen, ob die Becken tatsächlich gebaut werden. Aktuell dürfen Mittel aus dem Aufbauhilfefonds laut Kirschbauer nur für lokalen Hochwasserschutz verwendet werden. Cornelia Weigand, Landrätin des Kreises Ahrweiler, fordert daher vom Land zusätzliches Geld für Personal und Hochwasserschutz im Ahrtal. Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder will sich dem Bericht zufolge für eine Änderung einsetzen, damit die Gelder für Rückhaltebecken eingesetzt werden können.
Betroffene berichten
Anita Bongard betont die Dringlichkeit des Vorhabens: „Es geht schließlich um unser Menschenleben." Sie selbst hat ihr Haus in Altenburg höher und näher am Hang wieder aufgebaut und einen neuen Fluchtweg an die Böschung angeschlossen. „Das war mir ganz wichtig, nicht eingesperrt zu sein." 2021 war ihre Familie vom rasant steigenden Wasser eingeschlossen worden und musste auf den Dachboden flüchten, während meterhoch Wasser in das Dorf lief.
Auch der Gastronom Thorsten Rech, 44, Inhaber des Restaurants „Bahnsteig 1" in Mayschoß, erinnert sich: „Gegen 20 Uhr habe ich gemerkt, dass es ernst wird." Das Wasser stieg, bald war das Erdgeschoss seines Lokals geflutet. „Am Ende fehlten dem Wasser noch drei Treppenstufen, dann wäre es auch in meine Wohnung in den ersten Stock hochgekommen." Baumstämme schlugen gegen die Wände unter ihm, das Gebäude habe gewackelt. Heute wartet er als Gründer einer Initiative Flutgeschädigter auf die Bewilligung von Hilfsanträgen.
Wiederaufbau mit Prallwänden und neuen Brücken
Beim Wiederaufbau werden Gebäude und Infrastruktur nach den Erkenntnissen aus der Flut stabiler errichtet, in besonders gefährdeten Bereichen kommen Prallwände zum Einsatz, und neue Brücken sollen höher und ohne Pfeiler im Fluss gebaut werden. Im Rahmen der sogenannten Gewässerwiederherstellung werden an vielen Stellen entlang der Ahr Tonnen von Erde abgetragen, damit sich das Wasser ausbreiten und verlangsamen kann.
Doch Kirschbauer warnt, dass diese Maßnahmen bisher noch keinen nennenswerten Effekt gegen extreme Sturzfluten haben werden. Die Planung und der Bau der Rückhaltebecken werden seiner Einschätzung nach teilweise Jahrzehnte dauern: „Das sind Projekte, die auch teilweise Jahrzehnte dauern werden." Er verweist zudem auf den Engpass an der „Bunten Kuh", wo der Fluss sich nicht weiter ausdehnen kann.
Zusätzlich erschwert werde der Wiederaufbau durch knappes Bauland außerhalb der Überschwemmungsgebiete. Im Ahrtal gebe es Beschränkungen durch Naturschutzflächen und Weinberge, wie SWR Aktuell beschreibt. Auch Versicherungen zahlten teilweise nur dann, wenn Häuser an der ursprünglichen Stelle saniert würden – „dass es zum Beispiel von den Versicherungen teilweise nur Geld gibt, wenn man an dieser Stelle, wo man gebaut hatte, sein Haus wieder saniert."
Im Privatbereich schlägt Kirschbauer daher vor, in gefährdeten Lagen Häuser aufzuständern oder höher zu bauen, wie man es von großen Flüssen wie Rhein oder Mosel kenne. Gleichzeitig betont er: „dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt. Ich kann für mich selbst ein privates Schutzniveau festlegen." Der Hochwasserschutz müsse das gesamte Einzugsgebiet der Ahr und auch anderer Mittelgebirgsgewässer in den Blick nehmen.
Die Tourismusbranche im Tal hat sich unterdessen mit dem Slogan „We AHR open" neu erfunden. Die Region meldet sich zurück – fünf Jahre nach einer Nacht, die für viele bis heute jeden Tag spürbar bleibt, wie das Beispiel der zerstörten Wellkyller Mühle mit ihrem Millionenschaden und der betroffenen Familie Massem zeigt.
Mit Blick nach vorn bleibt die Sorge: „wir können nicht sagen, die nächste Flut wird nur maximal genauso hoch. Die kann auch größer werden", so Kirschbauer. Auch deshalb fordert Anita Bongard Solidarität dort, wo Becken gebaut werden sollen – „Es geht schließlich um unser Menschenleben."
Fragen & Antworten
Wie ist der Stand beim Hochwasserschutz im Ahrtal fünf Jahre nach der Flut?
Im Ahrtal wurden 17 mögliche Standorte für Rückhaltebecken identifiziert, die laut Einschätzung Schäden bei einem großen Hochwasser deutlich verringern könnten. Ob sie tatsächlich gebaut werden, ist nach dem Bericht offen, die Kosten werden auf rund 1,7 Milliarden Euro beziffert.
Welche Rolle spielt der Aufbauhilfefonds bei den Rückhaltebecken?
Aktuell dürfen Mittel aus dem Aufbauhilfefonds nach Kirschbauers Angaben nur für lokalen Hochwasserschutz verwendet werden. Landrätin Cornelia Weigand fordert mehr Geld und Ministerpräsident Gordon Schnieder will sich laut Bericht für eine Änderung einsetzen.
Warum warnen Experten vor einer möglichen neuen Flut im Ahrtal?
Der Geograph Thomas Roggenkamp und Professor Lothar Kirschbauer sehen weiterhin das Potenzial für eine extreme Sturzflut wie 2021 und halten es wegen des Klimawandels für möglich, dass künftige Hochwasser im Ahrtal sogar größer ausfallen.
Ahrtal-Flut: Stand beim Hochwasserschutz 2026 | finanz360