Frankreichs Justizminister Gérald Darmanin hat am Sonntag eine umfassende Überprüfung von 70.000 Anzeigen mit Kindern als Opfern oder Beschuldigten angeordnet und für Montag die 36 leitenden Staatsanwältinnen und Staatsanwälte der cours d'appel zu einer Arbeitssitzung in sein Ministerium einberufen.
Ausgangspunkt: Fall Lyhanna
Auslöser ist der Mord an der elfjährigen Lyhanna, deren Leiche am Freitag in einem Getreidesilo im südfranzösischen Puycasquier gefunden wurde, sechs Tage nach ihrem Verschwinden. Die Staatsanwaltschaft bestätigte die Identität des Kindes. Der Tatverdächtige sitzt in Untersuchungshaft und verweigert die Aussage.
Bereits am 22. August 2025 hatte die Mutter eines elfjährigen Mädchens in Plaisance-du-Touch im Département Haute-Garonne Anzeige wegen Vergewaltigungen erstattet, die zwischen September 2024 und Mai 2025 in der Wohnung des Verdächtigen begangen worden sein sollen. Die Staatsanwaltschaft Toulouse führte forensische Untersuchungen durch, deren Ergebnisse die Angaben des Kindes bestätigten, und gab das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Auch ab.
Dort wurde der Vorgang jedoch erst am 9. Januar 2026 an die Gendarmerie in Lectoure weitergeleitet – obwohl eine seit Jahresbeginn geltende Vorschrift eine vorrangige Behandlung von Fällen mit minderjährigen Opfern vorschreibt. Innenminister Laurent Nunez sagte am Sonntagabend im Sender France 2, es lägen «éléments d'enquête assez accablants» vor, der Verdächtige sei aber zum Zeitpunkt des Verschwindens von Lyhanna noch nicht einmal angehört worden.
Politische Reaktion und Entschuldigung
Der Verdächtige war laut Justizkreisen in der Vergangenheit mehrfach wegen Vergewaltigung Minderjähriger angezeigt worden, ohne dass dies juristische Folgen gehabt hatte. Justizminister Darmanin sprach von «erheblichen und inakzeptablen Störungen» bei der Bearbeitung der Strafanzeigen gegen den Verdächtigen und sagte dem Sender LCI, er sei «terrifié» gewesen, als er am Donnerstag Béziers besuchte.
Am Freitagabend entschuldigte sich Darmanin im Sender TF1 im Namen der Justiz bei der Familie des Opfers. Die Justiz habe «failli dans le suivi des plaintes» gegen den Verdächtigen, sagte er. Sollten sich berufliche Versäumnisse bestätigen, kündigte er Sanktionen gegen beteiligte Magistraten an. Tags darauf schrieb er auf der Plattform X von «les dysfonctionnements accablants et inacceptables des services de l'État».
Darmanin begründete sein Vorgehen mit einer fehlenden Priorisierung in der Bearbeitung der Anzeige. «Un viol sur enfant, c'est urgence absolue», sagte er. Eine Inspektion, die Justiz, Gendarmerie und das Bildungsministerium umfasst, soll ihre Schlussfolgerungen innerhalb von 15 Tagen vorlegen.
Reaktionen aus der Richterschaft
Die Reaktion der Richterschaft fällt verhalten aus. Die Conférence nationale des procureurs généraux (CNPG) und die Conférence nationale des procureurs de la République (CNPR) erklärten am Freitag in einer gemeinsamen Mitteilung, dass vor den Ergebnissen der Inspektion weder Verantwortlichkeiten festgestellt noch Sanktionen verhängt werden könnten. Die Mehrheitsgewerkschaft Union syndicale des magistrats (USM) verwies nach Angaben ihres stellvertretenden Generalsekretärs Aurélien Martini auf eine Flut von Anweisungen: «42 circulaires et 72 dépêches depuis 2025». Martini warf zudem die Suche nach «des boucs émissaires et vite» an.
