Deutschland UN-Sicherheitsrat 2027/28: Wahl gegen | finanz360
Deutschland bewirbt sich um Sitz im UN-Sicherheitsrat: Wahl in der Vollversammlung am 3. Juni
New York, 02 Juni 2026
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Kurzfassung
Deutschland kandidiert am 3. Juni 2026 in der UN-Vollversammlung für einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat in der Amtszeit 2027–2028. Außenminister Johann Wadephul wirbt seit Tagen in New York um Stimmen und sieht die Chancen als gut an; Konkurrenten sind Österreich und Portugal.
New York, 02 Juni 2026
Deutschland bewirbt sich am 3. Juni 2026 in der UN-Generalversammlung in New York um einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat für die Amtszeit 2027–2028; gewählt wird unter den 193 Mitgliedstaaten, wobei eine Zweidrittelmehrheit der abgegebenen Stimmen erforderlich ist.
Hintergrund: Wahl zum UN-Sicherheitsrat
Die Wahl der nicht-ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats findet am 3. Juni in der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York statt. Deutschland tritt dabei in der Gruppe 'Westeuropa und andere Staaten' an und konkurriert mit Österreich und Portugal um zwei zu vergebende Sitze. Eine Zweidrittelmehrheit der abgegebenen Stimmen der 193 Mitgliedstaaten ist für die Wahl erforderlich. Sollte diese erreicht werden, wäre es nach 2019/2020 die siebte Mitgliedschaft Deutschlands im Sicherheitsrat.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) hält sich nach Angaben des Senders bereits seit Tagen in New York auf, um für den deutschen Sitz zu werben. Wadephul erklärte gegenüber der Deutschen Welle: 'Ich würde sagen, die Chancen stehen gut, aber es ist ein Wettbewerb und es ist Demokratie. Wir können also gewinnen. Wir können verlieren. Beides ist möglich. Wir haben gute Argumente. Wir engagieren uns in dieser Welt. Wir engagieren uns im UN-System.' Zudem sagte er der DW: 'Das UN-System steht unter Druck. Ich glaube, dass Diplomatie nach wie vor sehr wichtig ist, damit das (Recht des Stärkeren) nicht die Oberhand gewinnt.'
Die Bewerbung Deutschlands
Deutschland begründet seine Kandidatur unter anderem mit seiner wirtschaftlichen Stärke. Wadephul erklärte, es sei 'der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt angemessen', bei globalen Krisen mitzuwirken. Das Auswärtige Amt verweist darauf, dass Deutschland größte Volkswirtschaft Europas und zweitgrößter Beitragszahler des UN-Systems ist. Die Bedeutung Deutschlands als Geberland sei zudem gestiegen, weil sich die USA aus vielen UN-Organisationen zurückgezogen hätten.
Mit dem Slogan 'Respekt, Gerechtigkeit, Frieden' wirbt die Bundesregierung um Stimmen. Für die Kampagne wurde zudem ein Kurzfilm mit dem Titel 'More than a Seat' produziert. Das Auswärtige Amt gibt an, dass Deutschland sich im Sicherheitsrat auf Konfliktprävention, Krisenbeilegung, Klima und Sicherheit konzentrieren wolle. Zudem setze sich Berlin für eine 'regelbasierte internationale Ordnung' und die Geltung des Völkerrechts ein.
Die Gegenkandidaten Österreich und Portugal
Gegenkandidaten sind Österreich und Portugal, die nach Einschätzung des Deutschlandfunk-Korrespondenten Steffen Wurzel deutlich früher als Deutschland in den Wahlkampf eingestiegen sind. Portugal pflegt enge Beziehungen zu Lateinamerika und Afrika, wo zahlreiche Stimmen gewonnen werden könnten. Österreich bewirbt sich mit Verweis auf seine Bündnisneutralität: Wien hat in den vergangenen Tagen betont, keinem militärischen Bündnis anzugehören. Deutschland ist dagegen sowohl EU- als auch NATO-Mitglied und gilt als verlässlicher Partner.
Der Sicherheitsrat hat fünf ständige Mitglieder mit Vetorecht – die USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich – sowie zehn nicht-ständige Mitglieder, die für zwei Jahre gewählt werden und kein Vetorecht besitzen. Pro Jahr werden fünf nicht-ständige Mitglieder neu bestimmt. Die Beschlüsse des Sicherheitsrats sind für alle UN-Mitgliedstaaten bindend. Das Gremium kann Sanktionen verhängen, Waffenembargos beschließen, Friedenstruppen entsenden und militärische Operationen autorisieren.
Russland und die schwierigen Themen
Russland führt nach Informationen der Berichterstattung eine Desinformationskampagne gegen die deutsche Kandidatur, die sich vor allem an den Globalen Süden und afrikanische Staaten richtet. Bereits zwei Wochen vor der Wahl hatte der russische UN-Botschafter in New York vor einer deutschen Mitgliedschaft gewarnt. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der damit verbundenen Spannungen gilt Russland als entschiedener Gegenkandidat.
Deutschland sieht sich bei der Kandidatur mit einer Reihe schwieriger Themen konfrontiert. Johannes Varwick, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Halle, sagte dem Deutschlandfunk: 'Es war jahrzehntelang so, dass Deutschland als Kraft von multilateralen Politiklösungen in weiten Teilen der Welt Zustimmung fand.' Als spaltende Thagen für die deutsche Bewerbung nannte er den Israel-Gaza-Konflikt, den Iran-Krieg und den Ukraine-Krieg. Varwick wörtlich: 'Wenn man sich etwa in der Gaza-Frage so eindeutig an die Seite Israels stellt. Ich glaube, das kann fast jeder verstehen in den Vereinten Nationen, dass Deutschland andere historische Bindungen an Israel hat, gar keine Frage. Aber dass man doch so eindeutig auf der Seite des Aggressors - so nehmen das viele wahr - steht und gleichzeitig in der Ukraine die Völkerrechtsfahne quasi sehr dogmatisch hochhält, das passt irgendwie nicht zusammen.' Deutschland verweist in diesem Zusammenhang auf seine historische Verantwortung nach der Shoah, dem Völkermord an rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft.
Aus dem Globalen Süden kommt zudem Kritik an einer als paternalistisch empfundenen Haltung Deutschlands, an Kürzungen bei Klima- und Entwicklungshilfe und an steigenden Militärausgaben. Die USA, eines der fünf Vetomächte, haben nach Darstellung des Berichts Resolutionen gegen sich selbst im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg blockiert. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte Ende Mai beim Shangri-La-Dialog in Singapur erklärt, die Partnerschaften der USA richteten sich nunmehr allein an nationalen Interessen aus, nicht mehr an Werten. Der Shangri-La-Dialog ist eine der wichtigsten asiatischen Sicherheitskonferenzen.
Reformdruck und Alternativen
Deutschland gehört nach Angaben des Auswärtigen Amts seit mehr als fünfzig Jahren zu den Partnern der Vereinten Nationen. Das Land tritt seit der Wiedervereinigung alle acht Jahre für einen Sitz im Sicherheitsrat an. Sollte die Wahl am 3. Juni erfolgreich verlaufen, würde Deutschland zum siebten Mal Mitglied des Sicherheitsrats.
Gemeinsam mit Brasilien, Indien und Japan setzt sich Deutschland seit Jahren für eine Reform des Sicherheitsrats ein, einschließlich neuer ständiger Sitze für diese Staaten sowie zwei zusätzlicher ständiger Sitze für afrikanische Staaten. UN-Generalsekretär António Guterres unterstützt solche Reformen. Die Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI hat einen drastischen Rückgang der UN-Friedensmissionen und ihrer Finanzierung festgestellt und von einer 'nahezu vollständigen Marginalisierung von Institutionen wie den Vereinten Nationen' gesprochen. Als alternative Gruppierungen, die die Vereinten Nationen umgehen, werden G20 und die BRICS-Plus-Staaten genannt; zu BRICS Plus gehören China, Russland und Indien.
Weitere Kandidaturen für die laufende Wahlrunde sind Simbabwe in der afrikanischen Gruppe, Trinidad und Tobago in der Gruppe der lateinamerikanischen und karibischen Staaten sowie die Philippinen und Kirgisistan, die in der asiatisch-pazifischen Gruppe um einen Sitz konkurrieren. Afghanistan und Venezuela sind derzeit nicht stimmberechtigt, sodass die Zweidrittelmehrheit rechnerisch 128 Stimmen beträgt, sofern alle übrigen Mitgliedstaaten abstimmen. Jeder UN-Mitgliedstaat hat in der Generalversammlung eine Stimme, unabhängig von Größe oder Macht.
Ausblick: Bekanntgabe der Ergebnisse
Die amtierende Präsidentin der UN-Generalversammlung, die frühere deutsche Außenministerin Annalena Baerbock, wird die Wahlergebnisse am Nachmittag deutscher Zeit bekannt geben. Bundeskanzler Friedrich Merz hat wiederholt eine deutsche Führungsrolle in Europa eingefordert. Sollte Deutschland gewählt werden, würde das Land – ohne eigenes Vetorecht – in den Jahren 2027 und 2028 an den Abstimmungen des Sicherheitsrats mitwirken.
Bereits Ende April hatte Wadephul den UN-Hauptsitz in New York besucht, um für die Kampagne zu werben. Der Bericht wurde am 2. Juni 2026 im Programm des Deutschlandfunks ausgestrahlt.
Neben dem klassischen diplomatischen Werben wird die Bundesregierung ihre Bewerbung auch in den kommenden Tagen fortsetzen. Sollte die Bewerbung erfolgreich sein, würde Deutschland nach 2019/2020 zum siebten Mal im UN-Sicherheitsrat sitzen – und dort ohne eigenes Stimmrecht, dafür aber mit Sitz und Stimme in den nicht-öffentlichen Konsultationen, an den Entscheidungen über Frieden und Krieg, Sanktionen und Blauhelmmissionen mitwirken.
Auch wenn die Kandidatur formal als sicher gilt, mahnen Beobachter zur Vorsicht: Russland hat in den vergangenen Wochen versucht, den deutschen Anspruch mit Desinformation zu untergraben, und in der Generalversammlung entscheidet jede einzelne Stimme. Mit der Bekanntgabe der Ergebnisse durch die amtierende Präsidentin Baerbock am Nachmittag des 3. Juni wird gerechnet.
Fragen & Antworten
Wer entscheidet am 3. Juni 2026 über den deutschen Sitz im UN-Sicherheitsrat?
Die 193 Mitgliedstaaten der UN-Generalversammlung wählen in New York; erforderlich ist eine Zweidrittelmehrheit der abgegebenen Stimmen, wobei Afghanistan und Venezuela derzeit nicht stimmberechtigt sind und die Schwelle daher rechnerisch bei 128 Stimmen liegt.
Mit welchen Ländern konkurriert Deutschland um den Sitz?
In der Gruppe 'Westeuropa und andere Staaten' bewerben sich neben Deutschland Österreich und Portugal um zwei zu vergebende Sitze für die Amtszeit 2027–2028.
Wie oft war Deutschland bereits Mitglied im UN-Sicherheitsrat?
Nach Angaben des Berichts wäre es die siebte Mitgliedschaft; zuletzt gehörte Deutschland 2019/2020 dem Sicherheitsrat an und tritt seit der Wiedervereinigung alle acht Jahre für einen Sitz an.