Bundesfamilienministerin Prien will Social-Media-Nutzung erst ab 13 Jahren erlauben
Berlin, 25. Juni 2026
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Kurzfassung
Bundesfamilienministerin Karin Prien spricht sich für eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren für die eigenständige Nutzung sozialer Medien aus und kündigt ein Gesetzgebungsverfahren noch in diesem Jahr an. Eine von ihr eingesetzte Expertenkommission hatte zuvor 56 Empfehlungen vorgelegt, die von Beratungsangeboten über ein KI-Seepferdchen bis hin zu einem Handyverbot an Schulen bis Klasse sieben reichen.
Bundesfamilienministerin Karin Prien hat sich für eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren für die eigenständige Nutzung sozialer Medien ausgesprochen und ein Gesetzgebungsverfahren noch in diesem Jahr angekündigt.
Hintergrund: Debatte um Kinderschutz im Netz
Die CDU-Politikerin begründete ihren Vorstoß am Mittwoch in Berlin mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen. Prien bezog sich auf eine Empfehlung der von ihr im September eingesetzten Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt", die ihren Abschlussbericht mit insgesamt 56 Vorschlägen übergab. Die Ministerin, die zugleich für Bildung und Jugend zuständig ist, sagte, sie sehe "grundsätzlich in dem Vorschlag einer gesetzlichen Altersgrenze von 13 Jahren den richtigen Weg".
Für Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren möchte Prien "abgestufte Schutzkonzepte" bei der Nutzung von TikTok, Instagram und ähnlichen Diensten. Ausnahmen seien etwa für Messengerdienste denkbar. Prien ließ zudem erkennen, dass sie die Frage, ob die Grenze bei 13 oder 14 Jahren liegen solle, als verhandelbar betrachtet. Die CDU hatte auf einem Parteitag bereits eine Altersgrenze von 14 Jahren gefordert; die SPD verlangt in einem Impulspapier ein Verbot für unter 14-Jährige.
In erster Linie gehe es um die Festschreibung einer "sozialen Norm", sagte Prien. "Es ist auch eine normative Orientierung, die uns als Gesellschaft klar macht, ab wann etwas in Ordnung ist und wann nicht." Die Ministerin kündigte an, noch in diesem Jahr ein Gesetzgebungsverfahren starten zu wollen. Sollte auf europäischer Ebene keine zeitnahe Regelung gelingen, werde sie parallel nationale Schritte einleiten: "Für den Fall, dass auf europäischer Ebene keine ausreichenden und zeitnahen Fortschritte erzielt werden, werde ich parallel die notwendigen nationalen Regelungen vorbereiten."
Die Empfehlungen der Expertenkommission
Der Bericht der Kommission, dem 18 Fachleute angehörten, verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz für Kinder von der Geburt bis zum Alter von 18 Jahren. Den Vorsitz teilten sich Olaf Köller und Nadine Schön. Köller brachte das Leitbild auf die Formel: "Nicht das Kind muss sich an die digitale Welt anpassen, sondern die digitale Welt an das Kind." Schön ergänzte, die digitale Welt müsse sich an den Rechten, Bedürfnissen und Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen ausrichten. Wichtig seien drei Aspekte: Kinder vor Inhalten zu bewahren, denen sie noch nicht gewachsen sind, sie zu befähigen, ihr digitales Leben selbst zu gestalten, und ihnen Teilhabe zu ermöglichen.
Neben der Altersgrenze schlägt die Kommission einen "risikobasierten Ansatz" vor, der Beschränkungen an konkrete Dienste und Funktionen bindet, etwa algorithmische Empfehlungen, Endlos-Feeds, Autoplay, Push-Nachrichten, offene Kontaktfunktionen und personalisierte Werbung. Minderjährige könnten demnach standardmäßig chronologische Feeds erhalten. Dieser Ansatz setze "deutlich stärker dort an, wo Gefährdungen tatsächlich entstehen", heißt es in dem Bericht.
Für besonders relevant hält der Entwicklungspsychologe auch die Empfehlung, KI-Begleiter, sogenannte AI Companions, ab 13 Jahren freizugeben. Solche Systeme seien darauf ausgelegt, emotionale Nähe zu erzeugen, viele Kinder könnten schwer einschätzen, dass es sich nicht um eine echte Beziehung handelt. Die Kommission schlägt zudem analog zum Schwimm-Seepferdchen ein verpflichtendes "KI-Seepferdchen" vor, ein kindgerechtes Online-Zertifikat zu Möglichkeiten und Gefahren Künstlicher Intelligenz.
Schule und Familie im Fokus
Für die Schulen empfiehlt die Kommission eine "weitgehende Einschränkung der privaten Nutzung" von Smartphones. Bis einschließlich Klasse sieben soll die private Nutzung im Unterricht, in außerunterrichtlichen Angeboten und in den Pausen "bundesweit einheitlich untersagt und in den Schulgesetzen verankert werden". Auch Eltern und Familien sollten schon vor der Geburt zu digitalen Medien beraten und unterstützt werden, das Prinzip laute "bildschirmfrei bis drei".
Einen weitreichenden rechtlichen Vorstoß enthält der Bericht ebenfalls: Die "elterliche Medienerziehung" soll im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert werden, ähnlich wie die gewaltfreie Erziehung dort im Jahr 2000 festgeschrieben wurde. Im Extremfall könnte dies bedeuten, dass das Jugendamt einschreiten kann, wenn Eltern ihre Kinder dauerhaft vor elektronischen Medien "parken" und damit schädigen. Vorgesehen sind ferner mehr Beratungsangebote, mehr Medienbildung, bessere Beschwerdemöglichkeiten für Minderjährige und Hilfen für Kinder und Jugendliche.
Nach Angaben der Kommission nutzen etwa eine Million Jugendliche digitale Medien auf problematische Weise, 300.000 zeigen Suchtverhalten. In einer Umfrage im Auftrag der EU-Kommission nannten 18 Prozent der befragten 13- bis 18-Jährigen negative Auswirkungen durch soziale Netzwerke, bei den Eltern waren es 36 Prozent. Rund 25 Prozent der 10- bis 17-Jährigen verbringen demnach viel zu viel Zeit mit sozialen Medien.
Weltweit als erstes Land hatte Australien Ende 2025 ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für die Nutzung sozialer Medien eingeführt. Eine im Fachjournal "The BMJ" veröffentlichte Erhebung unter gut 400 australischen Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren zeigt jedoch, dass drei Monate nach Inkrafttreten 85 Prozent weiterhin solche Plattformen nutzten, überwiegend über eigene Konten. Bei den 12- bis 13-Jährigen stellten die Autoren kaum Veränderungen fest, in der Altersgruppe der 14- bis 15-Jährigen gab es einen leichten Rückgang, während die Nutzung bei Jugendlichen ab 16 Jahren anstieg. 15 bis 19 Prozent verwendeten für den Zugang ein ausgedachtes Profil.
Großbritannien will für alle unter 16 Jahren die Nutzung bestimmter Social-Media-Apps ab Anfang 2027 verbieten, Griechenland will die Grenze bei 15 Jahren ziehen. Auch in Deutschland wird die Debatte von weiteren Akteuren begleitet: Die CDU-Politikerin Anja Weisgerber legte ein Konzept für "variable Altersgrenzen" vor, die je nach Plattform greifen sollen. Auf EU-Ebene gibt es eine eigene Expertengruppe, die am 13. Juli ihre Vorschläge vorlegen will.
Die Kommission empfahl zugleich, "nationale Alleingänge" in dieser Frage zu vermeiden. Meta, TikTok und andere Plattformen agierten weltweit, daher brauche es eine europäische Lösung. Der Digital-Services-Act der EU soll eigentlich dafür sorgen, dass Plattformen bestraft werden, wenn sie nicht genug Kinderschutz bieten. Für die Altersprüfung will Prien nach eigenen Angaben die EUDI-Wallet nutzen, die ab Anfang 2027 in Deutschland zur Verfügung stehen soll.
Stimmen aus Fachwelt und Politik
Der WDR-Jugendmedientag, an dem sich alle ARD-Häuser, das ZDF und Deutschlandradio beteiligen, griff das Thema am Mittwoch auf. Die 13-jährige Hannah Steinberg aus Wuppertal berichtete dort, sie habe sich auf dem Handy spezielle Zeiten eingerichtet, sodass eine App nach einer halben Stunde ausgehe, "damit ich da nicht so drin gefangen bin". Die Siebtklässlerin sagte im WDR-Interview: "Meistens habe ich mich unter Kontrolle und kann mein Handy auch weglegen, wenn ich etwas anderes machen möchte".
Auch die Reaktionen aus Fachwelt und Politik fielen differenziert aus. Melanie Stinn schreibt in einem Kommentar, der Vorstoß zur Social-Media-Regulierung sei richtig. "Wir sollten aufhören, dem Narrativ zu erliegen, dass Europa nichts gegen Meta, Tik Tok und Co. unternehmen könne." Kritiker wie Jager halten dagegen, echter Schutz funktioniere anders: "Wir schützen sie nicht, indem wir sie von der Straße fernhalten, sondern indem wir die Straße sicherer machen." Eine feste Altersgrenze berücksichtige nur das kalendarische, nicht das tatsächliche Entwicklungsalter.
Ausblick: Nationales Gesetz oder europäische Lösung?
Skeptisch äußerte sich auch der Sozialwissenschaftler Müller: "Wenn wir ein Verbot aussprechen und davon ausgehen, dass Kinder dann nicht mehr an verbotene oder gefährdende Inhalte kommen, sitzen wir einem Irrglauben auf". Kinder und Jugendliche fänden immer einen Weg. Gleichzeitig mahnte er: "Wir haben eigentlich kein Erkenntnisproblem, sondern ein Durchsetzungsproblem." Auch die Schule solle nicht überlastet werden: "Wir können der Schule nicht einfach noch mehr Aufgaben auferlegen, ohne uns Gedanken zu machen, wie das umgesetzt werden soll".
Die Bundesregierung steht damit vor der Frage, ob sie mit einem nationalen Verbot vorprescht oder auf eine europäische Lösung wartet. Prien betonte, sie halte die Vorschläge der Kommission sinnvoll. "Aber gleichzeitig bin ich relativ enttäuscht, dass wieder nur aufgezählt wird, was man machen müsste", erklärte Müller. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob aus den 56 Empfehlungen ein konkreter Gesetzentwurf wird.
Fragen & Antworten
Wer ist Karin Prien und welche Position vertritt sie?
Karin Prien ist Bundesfamilienministerin und CDU-Politikerin. Sie hat sich dafür ausgesprochen, die eigenständige Nutzung sozialer Medien in Deutschland erst ab 13 Jahren gesetzlich zu erlauben, und ein Gesetzgebungsverfahren noch in diesem Jahr angekündigt.
Was hat die Expertenkommission zum Kinderschutz im Netz vorgeschlagen?
Die 18-köpfige Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" hat 56 Empfehlungen vorgelegt. Dazu gehören eine Altersgrenze von 13 Jahren für Social Media und KI-Begleiter, ein verpflichtendes "KI-Seepferdchen" für Grundschulkinder, ein Handyverbot an Schulen bis Klasse sieben sowie die Verankerung elterlicher Medienerziehung im Bürgerlichen Gesetzbuch.
Warum verweisen Kritiker auf Australien?
Australien hatte Ende 2025 als weltweit erstes Land ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien eingeführt. Eine Erhebung im Fachjournal "The BMJ" zeigt jedoch, dass 85 Prozent der befragten Jugendlichen die Plattformen weiterhin nutzten, was Kritiker gegen einfache Verbotslösungen ins Feld führen.
Social-Media-Verbot ab 13: Prien plant Altersgrenze | finanz360