Bonner Nordbrücke auf der A565 seit Mittwoch vollständig gesperrt – Folgen für die Region unabsehbar
Bonn, 04 Juni 2026
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Kurzfassung
Die Bonner Nordbrücke auf der A565 ist seit dem 3. Juni 2026 bis auf Weiteres voll gesperrt, weil Risse im Beton und Korrosion am Bewehrungsstahl gefunden wurden. Die Autobahn GmbH rechnet innerhalb von zwei Wochen mit einem umfassenden Schadensbild; Politik und Wirtschaft fordern rasches Handeln.
Bonn, 04 Juni 2026
Die Bonner Nordbrücke auf der Autobahn 565 ist seit Mittwochnachmittag, 3. Juni 2026, wegen gravierender Schäden am Tragwerk der linksrheinischen Vorlandbrücke vollständig und bis auf Weiteres für den Verkehr gesperrt.
Die Sperrung erfolgte am späten Mittwochvormittag durch die Autobahn GmbH, rund eine Stunde, nachdem die Schäden gemeldet worden waren. Betroffen ist nicht nur das Brückenbauwerk selbst, sondern auch weitere Abschnitte der A565 zwischen dem Autobahnkreuz Bonn-Nord und dem Dreieck Bonn-Nordost. Auch der Fuß- und Radweg über das Bauwerk ist aus Sicherheitsgründen geschlossen. Wie Dirk Brandenburger, technischer Geschäftsführer der Autobahn GmbH, erklärte, würden derzeit technische Untersuchungen laufen.
Schäden und Sperrungsgrund
Bei der Schadensaufnahme wurden Risse im Beton und Korrosionsschäden am Bewehrungsstahl festgestellt. Schon seit Februar dieses Jahres galt auf der A565-Brücke ein Fahrverbot für Lastwagen über 7,5 Tonnen, um die Belastung zu reduzieren. Aktuelle Brückeninspektionen hätten jedoch gezeigt, dass diese Maßnahme nicht ausreiche, um weitere Schäden zu verhindern, teilte die Autobahn GmbH mit. Deshalb sei die Vollsperrung unausweichlich gewesen.
Die Autobahn GmbH erwarte innerhalb der nächsten zwei Wochen ein umfassendes Schadens- und Lagebild, sagte Brandenburger. Bis dahin müssten erneute statische Berechnungen durchgeführt werden, um zu einer ingenieurtechnisch belastbaren Aussage zu kommen, ob das Bauwerk ertüchtigt werden könne oder dauerhaft gesperrt bleiben müsse. Brandenburger betonte: "Darüber möchte ich heute nicht spekulieren." In ein paar Tagen werde man möglicherweise Genaueres wissen.
Belastung und Vorgeschichte
Die Brücke ist nach Angaben des ADAC die wichtigste Ost-West-Verbindung für die Region Bonn/Rhein-Sieg. Vor der Sperrung rollten nach unterschiedlichen Angaben täglich etwa 100.000 bis 120.000 Fahrzeuge über das Bauwerk, darunter rund fünf Prozent schwere Lastwagen. Damit wurde die Brücke stärker frequentiert als die lange gesperrte Rahmeder Talbrücke an der Sauerlandlinie A45, die vor ihrer Schließung rund 64.000 Fahrzeuge am Tag trug. Auch die A565-Brücke ist 660 Meter lang und stammt aus dem Jahr 1967, die Bonner Nordbrücke insgesamt wurde in den 1960er-Jahren errichtet.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) kündigte an, sich am Freitagnachmittag, 5. Juni 2026, persönlich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Schnieder sprach von "dramatischen Auswirkungen" und erklärte, die Verbesserung der Verkehrssituation nach der Sperrung habe "absolute Priorität". Die Bedeutung der Brücke sei enorm für Bonn und die umliegende Region, sagte der Minister und verwies auf die "prägende Ost-West-Verbindung – etwa 100.000 Fahrzeuge am Tag, aber auch den Rad- und Fußverkehr wollen wir nicht unterschlagen, auch der ist wichtig".
Politische Reaktionen aus Bund und Land
Schnieder versicherte zugleich: "Sicherheit hat immer oberste Priorität." Ziel sei es, die Brücke "möglichst schnell wieder befahrbar" zu machen. Der Bund werde "mit aller Kraft dafür eintreten, die Beeinträchtigungen so gering wie möglich zu halten". Auch Michael Güntner, Chef der bundeseigenen Autobahn GmbH, sagte, es gebe für sein Unternehmen "derzeit kein wichtigeres Projekt als die Bonner Nordbrücke". Man werde "alles tun, hier die Probleme schnellstmöglich zu lösen".
In Bonn richtete Oberbürgermeister Guido Déus (CDU) am Mittwoch einen Krisenstab unter dem Namen "Nordbrücke" ein. Er sei am späten Mittwochmorgen kurzfristig über die Sperrung informiert worden, hieß es aus dem Rathaus. Der ADAC sprach angesichts der Folgen für Pendler und Wirtschaft von einer "Vollkatastrophe für die Region". Viele Autofahrer müssten auf Strecken im Kölner Raum ausweichen und damit ein ohnehin am Limit operierendes Verkehrssystem zusätzlich belasten.
Wirtschaftliche Folgen und Kritik
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg bezeichnete die Sperrung als "Katastrophenmeldung". IHK-Präsident Stefan Hagen sagte, die Brücke müsse "spätestens jetzt oberste Priorität" für Bundesverkehrsminister Schnieder haben. Die Sperrung durchtrenne eine "Lebensader" der Region. Hagen forderte die Autobahn GmbH auf, alle Mittel zu nutzen, um den bisher erst für die 2030er-Jahre geplanten Neubau einer Rheinquerung so rasch wie möglich voranzutreiben.
Thomas Rademacher, Präsident der Handwerkskammer Köln, erklärte, die Rheinbrücken seien das Rückgrat der Region. Auch der ADAC-Experte Roman Suthold verwies auf den Engpass. In einer Modellrechnung hatte der ADAC bereits im vergangenen Jahr die Folgen einer Brückensperrung durchgespielt und war auf jährliche Umwegstrecken von 50 Millionen Kilometern für Pkw und 5,5 Millionen Kilometern für Lkw gekommen. Der wirtschaftliche Schaden wurde in dieser Studie auf mehr als 170 Millionen Euro beziffert.
Verkehrslage und Umleitungen
Der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) nannte die Sperrung eine drastische Maßnahme für die Region, betonte aber ebenfalls, die Sicherheit habe Vorrang. "Spekulationen über die Zukunft der Brücke würden sich derzeit verbieten", sagte Krischer. Es müsse jetzt abgewartet werden, in welchem Zustand sich das Bauwerk befinde. Weiträumige Umleitungen führen nach Angaben der Autobahn GmbH über die A3 oder die A61. Richtung Koblenz seien Übergänge von der A59 aus Köln und Königswinter auf die A565 nicht mehr möglich, Richtung Siegburg alle Verbindungen am Autobahnkreuz Bonn-Nord auf die A565.
Welche Belastung die Brücke noch aushält und wie das weitere Vorgehen aussehen kann, soll nach Schnieders Worten so schnell wie möglich geklärt werden: "Wir werden jetzt so schnell wie möglich klären, welche Belastung die Brücke noch aushält und wie das weitere Vorgehen sein kann." Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer NRW und selbst Prüfingenieur für Statik, zeigte sich von der Sperrung der konkreten Brücke überrascht, wenngleich nicht mehr von jeder einzelnen Sperrung generell. "Bei der konkreten Brücke hat mich das schon überrascht. Dass da jetzt immer die eine oder andere kommt, überrascht mich eigentlich nicht mehr." Das Sperren sei "die allerletzte Maßnahme, die man trifft".
Stimmen aus der Ingenieurkammer
Wer derzeit auf der Bonner Nordbrücke unterwegs sei, fürchte, dass ein Versagen des Bauwerks nicht ausgeschlossen werden könne, erläuterte Bökamp. "Wenn sie die Brücke jetzt gesperrt haben, dann befürchten sie tatsächlich, dass ein Versagen der Brücke nicht ausgeschlossen werden kann – dass sie wirklich zusammenbricht." Er verwies auf den Teileinsturz der Carolabrücke in Dresden am 11. September 2024, die seit Februar 2024 für Lkw über 7,5 Tonnen gesperrt war und zuvor rund 100.000 Fahrzeuge am Tag trug. "Jedes Fahrzeug, das über die Brücke fährt, ist eine Belastung. Wir sprechen da von einem Lastspiel."
Das Grundproblem vieler älterer Brücken beschrieb Bökamp so: "Nicht das Gewicht ist das Problem, sondern die Zahl der Überfahrten." Wer ein Gummiband vorsichtig hundert Mal ziehe, reiße es ebenfalls durch, auch ohne große Krafteinwirkung. Brücken seien ursprünglich für rund zwei Millionen Lastspiele ausgelegt, manche Bauwerke erlebten inzwischen etwa zehn Millionen. "Das größte Problem sind die Lkw-Lasten. Man hat nicht damit gerechnet, dass so viele kommen." Der Lkw-Verkehr werde Prognosen zufolge noch einmal um 30 bis 40 Prozent zunehmen. Große Brücken seien in der Regel Hohlkastenkonstruktionen, die von innen begangen und auf Risse oder Verformungen kontrolliert werden könnten. Manche Bauwerke, insbesondere Spannbetonbrücken, könnten jedoch ohne Vorankündigung brechen. Bökamp prognostizierte: "Dass solche großen Brücken wie die in Bonn gesperrt werden, wird in den nächsten Jahren zunehmen."
Bundesweite Dimension des Brückenproblems
Bereits jetzt stuft der ADAC in Nordrhein-Westfalen fast ein Drittel der rund 6.200 Autobahnbrücken als sanierungsbedürftig ein. Etwa ein Drittel der insgesamt rund 10.000 Brücken im Land gelten als "Patienten", davon wiederum rund zehn Prozent als "Intensivpatienten". Als weiterer aktueller Problemfall gilt die Wiehltalbrücke auf der A4 zwischen Köln und Olpe. Die Rahmeder Talbrücke an der A45 bei Lüdenscheid war von Ende 2021 an vier Jahre lang gesperrt; seit Dezember vergangenen Jahres rollt der Verkehr dort über einen Neubau.
Die Autobahn GmbH erklärte, die Bonner Nordbrücke sei inzwischen das Projekt mit der höchsten Priorität in Nordrhein-Westfalen. Mehrere Gutachter seien mit der Untersuchung beauftragt. Bis das vollständige Schadensbild vorliege, bleibe die wichtige Ost-West-Achse der Region auf unabsehbare Zeit unterbrochen.
Fragen & Antworten
Warum wurde die Bonner Nordbrücke gesperrt?
Die Autobahn GmbH hat am 3. Juni 2026 Risse im Beton und Korrosionsschäden am Bewehrungsstahl der linksrheinischen Vorlandbrücke festgestellt. Da ein vorheriges Lkw-Fahrverbot über 7,5 Tonnen weitere Schäden nicht verhindern konnte, wurde die Brücke rund eine Stunde nach der Schadensmeldung voll gesperrt.
Wie lange wird die Sperrung voraussichtlich dauern?
Nach Angaben des technischen Geschäftsführers der Autobahn GmbH, Dirk Brandenburger, wird ein umfassendes Schadens- und Lagebild in den nächsten zwei Wochen erwartet. Ob das Bauwerk ertüchtigt werden kann oder dauerhaft gesperrt bleibt, ist derzeit offen.
Welche Alternativen haben Pendlerinnen und Pendler?
Weiträumige Umleitungen führen über die Autobahnen A3 und A61. Richtung Koblenz sind Übergänge von der A59 auf die A565 blockiert, Richtung Siegburg sind alle Verbindungen am Autobahnkreuz Bonn-Nord auf die A565 gesperrt, sodass viele Fahrzeuge in den Kölner Raum ausweichen müssen.
Bonner Nordbrücke gesperrt: A565-Sperrung und Folgen | finanz360