Ein Pariser Berufungsgericht verkündet am Dienstag sein Urteil über die Verurteilung von Marine Le Pen wegen Veruntreuung von EU-Geldern und entscheidet damit, ob die Rechtspopulistin bei der französischen Präsidentschaftswahl 2027 antreten darf.
Update vom 6. Juli 2026
Update vom 6. Juli 2026: Das Berufungsgericht in Paris will an diesem Dienstag verkünden, ob die Verurteilung von Marine Le Pen wegen Veruntreuung von EU-Geldern aus dem März 2025 Bestand hat. Gelingt es der Rechtspopulistin nicht, das Strafmaß deutlich zu reduzieren, bleibt sie 2027 von den Präsidentschaftswahlen ausgeschlossen. Ganz Frankreich wartet auf ein Urteil, das die politische Zukunft der 57-Jährigen grundlegend verändern kann.
Bereits vergangenen Mittwoch betonte die Fraktionschefin des rechtsextremen Rassemblement National (RN) in einem letzten Fernsehinterview vor dem Termin, sie habe "keine Angst" vor dem Richterspruch. "Was auch passiert, ich werde weiter für meine Ideen kämpfen", sagte sie. Zugleich erklärte sie zu ihrem designierten Nachfolgekandidaten: "Ich lasse Jordan völlig, absolut frei in seinen Entscheidungen." Le Pen sagte, falls sie nicht kandidieren dürfe, werde sie Bardella "mit großer Energie, Überzeugung und Vertrauen" unterstützen.
In erster Instanz war Le Pen im März 2025 zu einer Haftstrafe von vier Jahren, davon zwei auf Bewährung und zwei mit elektronischer Fußfessel im Hausarrest, verurteilt worden, einer Geldbuße in Höhe von 100.000 Euro und einem fünfjährigen Verlust des passiven Wahlrechts, also dem Verbot, bei Wahlen anzutreten – mit sofortiger Wirkung. Reduziert das Berufungsgericht nun dieses Strafmaß nicht deutlich, bleibt sie 2027 von den Präsidentschaftswahlen ausgeschlossen. Wird das am Dienstag bestätigt, kann Le Pen nicht bei der Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 antreten.
Was ist neu seit dem 5. Juli 2026
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Seit der vorherigen Version dieses Artikels hat sich die Sachlage vor allem zugespitzt: Die Urteilsverkündung am Dienstag rückt unmittelbar näher. Neu im Fokus steht die Frage, wie Le Pen den Druck der Entscheidung öffentlich verarbeitet – ihr letztes TV-Interview vor dem Termin, ihre Bekräftigung, weiter für ihre Ideen zu kämpfen, und ihre demonstrative Offenheit gegenüber Bardella. Erstmals wird in der Berichterstattung explizit benannt, dass Le Pen nicht einmal dann ins Rennen gehen würde, wenn das Berufungsgericht "nur" die elektronische Fußfessel bestätigte, sie aber das passive Wahlrecht wiederherstellte. Dies verändert die Ausgangslage für die Frage, wer 2027 tatsächlich für den RN antritt.
Zugleich bekräftigte Jordan Bardella seine eigene Ambition. Er hoffe, dass Le Pen "zur Präsidentin gewählt wird", sagte er – doch die Umfragen zeichnen ein anderes Bild: In Umfragen hat der 30-Jährige sie bereits überholt. In den Umfragen zieht Bardella davon, während Le Pens Popularität unter dem laufenden Verfahren leidet.
Hintergrund: Der Prozess und das System der fingierten Assistentenverträge
Hintergrund: Der Prozess und das System der fingierten Assistentenverträge
Der Fall dreht sich um ein System, bei dem Partei-Mitarbeiter jahrelang Verträge als Assistenten von EU-Abgeordneten hatten, für die sie nie tätig waren. Demnach hatte Le Pen eine "zentrale Rolle" beim Aufbau dieses Systems inne, das später auf ihre Tochter ausgeweitet wurde. Seine Tochter, die die Partei 2011 von ihm übernahm und sie 2018 in RN umbenannte, soll den Mechanismus der Zweckentfremdung von EU-Geldern ausgeweitet haben. Dem EU-Parlament entstand demnach ein Schaden von 4,1 Millionen Euro.
Alle 24 Angeklagten, darunter mehrere Führungspersönlichkeiten des RN, ehemalige Europaabgeordnete und parlamentarische Assistenten sowie die Partei, wurden im März 2025 in erster Instanz verurteilt. Le Pen selbst räumte ein, sie habe "möglicherweise Nachlässigkeit gezeigt", aber niemals bewusst Geld veruntreuen wollen. Erfolglos versuchte sie in der Folge, ihre Anhänger zu einem Aufstand gegen eine vermeintlich "politische Justiz" aufzustacheln.
Die Familie Le Pen: Eine politische Dynastie
Die Familie Le Pen: Eine politische Dynastie
Keine französische Präsidentschaftswahl seit 1981 fand ohne einen Le Pen auf dem Stimmzettel statt. Jean-Marie Le Pen, Gründer des rechtsextremen Front National, war viermal Präsidentschaftskandidat und erreichte 2002 die Stichwahl, in der er gegen Jacques Chirac verlor. 1976 hinterließ ein wohlhabender Sympathisant ihm die Villa Montretout im vornehmen Pariser Vorort Saint-Cloud samt mehreren Millionen Franc als Parteivorsitzendem.
Im selben Jahr überlebte die damals achtjährige Marine einen nächtlichen Bombenangriff auf das damalige Pariser Haus der Familie; die Täter wurden nie gefasst. Marine Le Pen bezeichnete dies später als ihr politisches Erweckungserlebnis. 2011 bestimmte Jean-Marie Le Pen seine Tochter zu seiner Nachfolgerin an der Parteispitze; sie übernahm die Partei und benannte sie 2018 in Rassemblement National (RN) um. Später schloss sie ihren Vater aus der Partei aus. Jean-Marie Le Pen, der die Gaskammern als "ein Detail der Geschichte" verharmloste und in seinem Büro in Montretout zwei kleine Skulpturen des Hitler-Bildhauers Arno Breker aufbewahrte, sagte einmal, er wünsche, dass sie seinen Namen so schnell wie möglich ablegt.
Jordan Bardella: Der Ziehsohn und Ersatzkandidat
Im Juni 2025 verkauften Marine Le Pen und ihre Schwestern die Villa Montretout. Jean-Marie Le Pen starb 2025 im Alter von 96 Jahren. Auch er war im selben Verfahren angeklagt, ist aber Anfang 2025 verstorben, bevor es zu einer Verurteilung kam. Zu einem bizarren Kapitel der Familiengeschichte gehört, dass Pierrette Le Pen, die Mutter Marines, einst halbnackt mit Putzlappen und Staubsauger für den Playboy posierte, nachdem ihr Mann sie aus dem Haus geworfen hatte.
Jordan Bardella: Der Ziehsohn und Ersatzkandidat
Politische Verortung und internationale Kontakte
Dann würde ihr politischer Ziehsohn Jordan Bardella, den sie 2022 zum Parteichef machte, Präsidentschaftskandidat. Marine Le Pen hatte den damals 27-jährigen Berater bereits zuvor an die Parteispitze gesetzt. Bardella, der laut Berichten mit Maria Carolina von Bourbon-Sizilien verlobt ist, gilt als designierter Ersatzkandidat, sollte Le Pen tatsächlich nicht antreten dürfen.
Was nun auf dem Spiel steht
Im Wahlkampfmodus der Rechtspopulisten bleibt das Programm unterdessen weitgehend konstant: Basis des Programms bleibt die Forderung einer "nationalen Präferenz", durch die Ausländer von bestimmten Sozialleistungen oder bei der Vergabe von Sozialwohnungen ausgeschlossen werden sollen, auch wenn sie in die Kassen einzahlen. Le Pen selbst hat zudem formuliert: "Der Islam ist kompatibel mit der Republik" und "Der RN ist weder links noch rechts. Er ist sozial." Über Wladimir Putin sagte sie: "Putin hat den Russen ihre Lebensfreude zurückgegeben."
Politische Verortung und internationale Kontakte
Stimmen vor dem Urteil
Marine Le Pen ist als Rechtspopulistin klassifiziert und gilt als kämpferische Natur. Sie war vor den Gerichtsverfahren die Favoritin der Vorwahlumfragen und ist dreimal selbst als Präsidentschaftskandidatin angetreten. Internationale Kontakte hat sie unter anderem nach Israel geknüpft: Nach einer Reise dorthin erhielt sie Unterstützung von den Nazi-Jägern Beate und Serge Klarsfeld. Ein Besuch bei Donald Trump im Trump Tower in New York verlief dagegen ohne Empfang durch den US-Präsidenten.
Was nun auf dem Spiel steht
Sollte das Berufungsgericht das Ersturteil im Wesentlichen bestätigen, wäre Le Pens wichtigstes politisches Instrument – die persönliche Kandidatur für das höchste Staatsamt – für fünf Jahre blockiert. Für die RN, die seit Jahrzehnten am Projekt einer Le-Pen-Präsidentschaft ausgerichtet ist, wäre dies eine Zäsur. Bardella wäre dann derjenige, der die Partei in den Wahlkampf 2027 führen müsste, unterstützt von Le Pen, die angekündigt hat, ihn "mit großer Energie, Überzeugung und Vertrauen" zu unterstützen – sofern sie überhaupt politisch aktiv bleiben kann.
Das Verfahren wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Funktionsweise europäischer Institutionen und die Frage, wie mit Vorwürfen umgegangen wird, wonach systematisch EU-Gelder zweckentfremdet wurden. Die Urteilsverkündung am Dienstag wird daher nicht nur in Paris, sondern in ganz Europa aufmerksam verfolgt werden.
Stimmen vor dem Urteil
Le Pen selbst gibt sich kämpferisch: "Was auch passiert, ich werde weiter für meine Ideen kämpfen." Gegenüber ihrem Ziehsohn zeigt sie sich offen: "Ich lasse Jordan völlig, absolut frei in seinen Entscheidungen." Bardella wiederum bekundete öffentlich, er hoffe, dass Le Pen "zur Präsidentin gewählt wird" – eine bemerkenswerte Aussage, sollte er selbst der designierte Ersatzkandidat sein. Ihr Ziehsohn und Ersatzkandidat Jordan Bardella macht derweil eigene Schlagzeilen, die das Bild einer Partei im Übergang unterstreichen.
Die Spannung vor dem Urteil ist spürbar. Während das Gericht berät, hält die RN-Führungsriege an ihrer Linie fest, das Verfahren als politisch motiviert darzustellen. Marine Le Pen ist eine kämpferische Natur, heißt es in der Berichterstattung über sie. Ob diese Kampfkraft ausreicht, die juristischen Folgen des Ersturteils abzuwenden, wird sich am Dienstag zeigen.
