AfD-Bundesparteitag in Erfurt beendet – Weidel und Chrupalla im Amt bestätigt, Zehntausende bei Protesten
Erfurt, 05. Juli 2026
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Kurzfassung
Der zweitägige AfD-Bundesparteitag in Erfurt endete am Sonntagnachmittag mit der Bestätigung der Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla. Parallel protestierten nach Polizeiangaben rund 31.000 Menschen gegen den Kongress, die Veranstalter sprachen von 50.000 Teilnehmenden.
Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt ist am Sonntag mit der Bestätigung der Parteispitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla zu Ende gegangen, während nach Polizeiangaben rund 31.000 Menschen gegen den Kongress auf die Straßen der thüringischen Landeshauptstadt gingen.
Der zweitägige Bundesparteitag der Alternative für Deutschland endete am Sonntagnachmittag ohne öffentliche Streitigkeiten oder inhaltliche Diskussionen, wie übereinstimmend aus dem Tagungsort, der Messe Erfurt, berichtet wurde. Am Vormittag waren nach Schätzungen rund 500 Delegierte zur Fortsetzung der Versammlung zusammengekommen. Die Delegierten verließen das Gelände am Sonntagnachmittag unbehindert. Der Bundesparteitag dauerte eineinhalb Tage.
Die designierten Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla waren bereits am Vortag ohne Gegenkandidaten für weitere zwei Jahre in ihren Ämtern bestätigt worden. Weidel erhielt 81,3 Prozent der Stimmen und verbesserte sich damit leicht gegenüber dem Ergebnis von 2024. Chrupalla kam auf rund 70 Prozent – ein deutlicher Rückgang gegenüber 83 Prozent bei seiner vorherigen Wahl. Beide dankten den Delegierten und richteten den Blick auf die kommenden Wahlkämpfe.
In seinen Schlussworten sagte Chrupalla: „Fokus liegt jetzt auf anstehenden Landtagswahlen“ und „Die AfD ist da, um zu siegen. Und wir werden siegen und wir werden regieren.“ Er warnte zugleich, die Partei dürfe nichts versprechen, was sie nicht halten könne: „Und wir müssen unsere Versprechen auch einhalten.“ Chrupalla benannte die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September als klare Ziele.
Personalentscheidungen und neuer Bundesvorstand
Weidel griff die Rhetorik der Regierungskritik auf und sagte auf dem Parteitag: „Lasst uns das gesamte Land in Schwarz-Rot-Gold tauchen. Schwarz-Rot-Gold: Das leben wir! Das sind unsere Farben.“ Sie erklärte zudem: „Wir sind die stärkste Kraft. Wir sind eine 30-Prozent Volkspartei. Und wir werden regieren.“ An anderer Stelle hieß es: „Ziel sei es, die Regierung zu übernehmen.“ In einem „heute journal“-Interview hatte Weidel zudem angekündigt, die AfD bereite sich auf eine vorgezogene Bundestagswahl vor. Weidel war Spitzenkandidatin der AfD bei der Bundestagswahl 2025.
Im neu gewählten Bundesvorstand zeichnet sich zugleich ein personeller Umbruch ab. Mit Stefan Möller aus Thüringen, der als einer der engsten Vertrauten des thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke gilt, wurde ein stellvertretender Bundesvorsitzender mit 75 Prozent gewählt. Möller soll im Bundesvorstand die Beziehungen zu den deutschen Sicherheitsbehörden verantworten. Höcke war 2025 in zwei rechtskräftigen Urteilen zu Geldstrafen wegen mehrfacher Verwendung einer SA-Losung verurteilt worden.
Umstrittene Personalien und Verbindungen
Zum neuen Bundesschatzmeister wurde Hannes Gnauck aus Brandenburg gewählt, ehemaliger Chef der inzwischen aufgelösten Jungen Alternative, die der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft hatte. Gnauck setzte sich im dritten Wahlgang knapp gegen den langjährigen Amtsinhaber Carsten Hütter aus Sachsen durch. Sechs der 14 Mitglieder des neuen Bundesvorstands stammen nach Angaben aus den Reihen der Delegierten aus Landesverbänden, die von den jeweiligen Landesämtern für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft sind.
Weitere Wahlen galten Katrin Ebner-Steiner aus Bayern, die überraschend als Kandidatin antrat und das bisherige Vorstandsmitglied Peter Boehringer verdrängte. Sie wurde mit rund 56 Prozent zur neuen Vize-Vorsitzenden gewählt, ohne Gegenkandidaten. In ihrer Bewerbungsrede erklärte sie, man wolle Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) „aus der Staatskanzlei jagen“. Sven Tritschler aus Nordrhein-Westfalen setzte sich im Wettbewerb um den dritten Vize-Posten mit 50,7 Prozent gegen Kay Gottschalk durch. In seiner Bewerbungsrede hatte Tritschler erwähnt, Jura studiert, aber keinen Abschluss gemacht zu haben.
Nicht auf der Tagesordnung stand am Ende ein Antrag von Björn Höcke, der die sogenannte Unvereinbarkeitsliste – sie verhindert bisher die Aufnahme ehemaliger Mitglieder extremistischer Organisationen wie der Identitären Bewegung oder der NPD in die AfD – zur Diskussion stellen wollte. Weidel schlug stattdessen vor, der neue Parteivorstand solle die Liste überarbeiten: „Der Bundesvorstand hätte das schon längst machen müssen.“ Eine Kommission solle sich im kommenden Jahr mit der Frage befassen.
Außerhalb der Messehalle 1 hatten am Samstag und Sonntag nach Polizeiangaben rund 31.000 Menschen an Demonstrationen, Kundgebungen und Sitzblockaden teilgenommen. Die Veranstalter selbst sprachen von insgesamt rund 50.000 Teilnehmenden. Zu den Protesten aufgerufen hatten das linke Bündnis „Widersetzen“ sowie das zivilgesellschaftliche Bündnis „Zusammenstehen“, das nach eigenen Angaben von Gewerkschaften, Kirchen, Verbänden und weiteren Organisationen unterstützt wurde. Das Bündnis „Widersetzen“ erklärte, im Vergleich zu rund 7.000 Unterstützerinnen und Unterstützern beim Bundesparteitag 2024 in Essen sei die Zahl weiter gestiegen. Ein Sprecher sagte: „Wir werden immer mehr.“
Proteste in der Stadt
Die Polizei sprach von einem „überwiegend friedlichen Verlauf“ des vielfältigen Protests. Zeitweise beteiligten sich nach ihren Angaben mehrere Tausend Menschen an einer Sitzblockade auf der Autobahn 71 sowie auf Zufahrtsstraßen nach Erfurt. Die Binderslebener Landstraße zwischen der Anschlussstelle A71 Erfurt-Bindersleben und der Stadt wurde am Sonntag wieder für den Zweirichtungsverkehr freigegeben. Auch die Fahrraddemonstration für ein weltoffenes Erfurt, zu der der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) aufgerufen hatte, startete am Vormittag vom Hauptbahnhof.
Polizeieinsatz und Kritik
An mehreren Stellen kam es dennoch zu Konfrontationen. Ein Polizeisprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Beim Versuch von Demonstrierenden, eine Absperrung zu durchbrechen und Beamte anzugreifen, hätten diese mit körperlicher Gewalt reagieren müssen.“ Bei dem Versuch, eine Absperrung im Ortsteil Frienstedt zu durchbrechen und Polizisten anzugreifen, bestehe nach Polizeiangaben der Verdacht auf Landfriedensbruch. Pfefferspray und Schlagstöcke wurden laut Polizei an zwei blockierten Straßen sowie in der Innenstadt eingesetzt. Insgesamt wurden bis Sonntagmittag 65 Straftaten und 13 Ordnungswidrigkeiten erfasst, darunter Sachschäden durch Graffiti, Körperverletzungen und Verstöße gegen das Versammlungsrecht.
Insgesamt wurden elf Polizeibeamtinnen und -beamte leicht verletzt. Drei Vertreterinnen und Vertreter des Portals „Apollo News“ wurden nach Angaben von Polizeipräsident Thomas Quittenbaum am Samstag körperlich angegriffen; die Polizei habe ihnen Hilfe geleistet. Vier Pressevertreterinnen und -vertreter wurden nach Polizeiangaben verletzt; einem Journalisten wurde ein Mobiltelefon gestohlen. Mehrere Drohnen, die trotz eines Verbotsbereichs geflogen seien, seien sichergestellt worden. Die Bundespolizei registrierte einzelne Straftaten und Ordnungswidrigkeiten sowie Beleidigungen, verfassungsfeindliche Handlungen und Verstöße gegen das Versammlungs-, Waffen- und Sprengstoffrecht.
Vertreter einer Bürgerrechtsorganisation kritisierten den Polizeieinsatz als überzogen und sprachen von einem „Überaufgebot an Einsatzmitteln“. Auch das Bündnis „Widersetzen“ warf der Polizei unverhältnismäßige Gewalt vor und nannte als Beispiel schmerzhafte Fixierungen am Gothaer Platz; Anwältinnen und Anwälte wollten demnach Körperverletzungsanzeigen prüfen. „Widersetzen“ warf dem thüringischen Innenminister Georg Maier (SPD) vor, Gefahren übertrieben darzustellen und sich damit bei der AfD anzubiedern. Polizeipräsident Quittenbaum wies das zurück und sagte, es gehe um die Durchsetzung von Grundrechten, nicht um Bevorzugung.
Reaktionen aus Politik und Stadtgesellschaft
Innenminister Maier (SPD) erklärte, die Polizei habe sich „generalsstabsmäßig über Wochen auf den Großeinsatz vorbereitet, um sowohl der AfD als auch den Demonstranten das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit zu ermöglichen“. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) dankte allen Einsatz- und Rettungskräften und sagte: „Die Demokratie lebe davon, dass die Versammlungsfreiheit für alle gilt“ und „zugleich davon, dass Bürgerinnen und Bürger friedlich für ihre Überzeugungen eintreten“. Erfurt habe „deutlich gemacht, wofür unser Land steht: für Freiheit, Weltoffenheit und ein respektvolles Miteinander“.
Der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU) zog ebenfalls eine positive Bilanz und sagte: „Erfurt hat Zeichen für lebendige Demokratie gesetzt“ und mit dem friedlichen Ablauf der Proteste habe die Stadt „ein Zeichen für eine lebendige Demokratie gegeben“. Polizeipräsident Quittenbaum hob am Sonntag hervor, das Einsatzkonzept sei aufgegangen, der Parteitag sei ungestört verlaufen, die Versammlungsfreiheit sei gewährleistet gewesen und auch das dritte Ziel – ein buntes Stadtleben mit Konzerten – sei erreicht worden. Auf dem Domplatz hatte am Samstag der Erfurter Musiker Clueso ein Konzert vor 15.000 Besucherinnen und Besuchern gegeben.
Verfassungsschutz und gerichtliche Verfahren
Parallel zum Parteitag befasst sich die Justiz mit der Frage der Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz. Der Bundesverfassungsschutz hatte die Partei im Mai 2025 als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft; wenige Tage später wurde diese Hochstufung jedoch vorläufig ausgesetzt und die Einstufung nicht öffentlich weiterverfolgt. Im Februar 2026 gab das Kölner Verwaltungsgericht einem Eilantrag der AfD statt und stoppte die Hochstufung bis zur Hauptsache. Das Gericht sah zwar einen „starken Verdacht“ verfassungsfeindlicher Bestrebungen, hielt aber eine gesicherte Feststellung für die Gesamtpartei für nicht ausreichend belegt. Solange das Bundesamt für Verfassungsschutz seine Bewertung nicht nachreiche, dürfe die AfD nicht als gesichert rechtsextrem bezeichnet werden, sagte die Rechtsexpertin Sarah Tacke.
Fünf Landesverbände der AfD – Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Niedersachsen – sind nach Angaben in den Fakten von den jeweiligen Landesämtern für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. In weiteren sechs Bundesländern sowie auf Bundesebene gilt die AfD als Verdachtsfall. Die Einstufungen sind gerichtlich überprüfbar; so war der sächsische Landesverband 2024 vor dem Dresdner Verwaltungsgericht mit einem Eilantrag gegen seine Einstufung gescheitert, und das Bundesverwaltungsgericht bestätigte im Mai 2025 die Einstufung der früheren AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“.
Die kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, die im September stattfinden sollen, gelten beiden Seiten als zentraler Stimmungstest. Nach der ARD-DeutschlandTrend-Befragung von infratest/dimap liegt die AfD derzeit bei rund 27 Prozent und damit deutlich vor der CDU/CSU bei 22 Prozent, die SPD kommt auf 12 Prozent. In Sachsen-Anhalt kommt die AfD mit dem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund nach Umfragen auf 41 Prozent. Die AfD verfolgt nach eigener Darstellung das Ziel, erstmals in einem deutschen Bundesland den Ministerpräsidenten oder die Ministerpräsidentin zu stellen. Weidel sagte zum Abschluss des Parteitags: „Regierungsanspruch erheben, denn wir sind stärkste Kraft“ – und kündigte an, die AfD wolle „Deutschland vom Kopf auf die Füße stellen“.
Fragen & Antworten
Wer wurde auf dem AfD-Bundesparteitag in Erfurt bestätigt?
Die Delegierten bestätigten Alice Weidel mit 81,3 Prozent und Tino Chrupalla mit rund 70 Prozent ohne Gegenkandidaten für weitere zwei Jahre als Co-Vorsitzende der AfD. Beide hatten am Vortag bereits die Wiederwahl angenommen.
Wie viele Menschen haben gegen den Parteitag protestiert?
Die Polizei sprach von rund 31.000 Teilnehmenden an Demonstrationen, Kundgebungen und Sitzblockaden. Die Bündnisse „Widersetzen“ und „Zusammenstehen“ gaben die Zahl der Teilnehmenden insgesamt mit etwa 50.000 an.
Wie ist die AfD derzeit vom Verfassungsschutz eingestuft?
Fünf Landesverbände der AfD sind nach den vorliegenden Fakten von den Landesämtern für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft; auf Bundesebene und in sechs weiteren Ländern gilt die Partei als Verdachtsfall. Eine gerichtliche Hochstufung der Bundespartei ist wegen eines Eilantrags vor dem Kölner Verwaltungsgericht derzeit gestoppt.
AfD-Parteitag Erfurt 2026: Weidel und Chrupalla bestätigt | finanz360