Spahn unter Druck: Kritik an Leihmutterschaft in den USA weitet sich aus
Berlin, 17 Juli 2026
Superbass / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn steht nach der Bestätigung einer Leihmutterschaft in den USA parteiintern und politisch massiv unter Druck. Aus den eigenen Reihen, von Grünen, FDP und Linken sowie aus der Senioren-Union werden Doppelstandards und ein Verstoß gegen geltendes Recht kritisiert.
Berlin, 17 Juli 2026
Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn geriet am Donnerstag und Freitag parteiintern und politisch unter massiven Druck, nachdem er gemeinsam mit seinem Ehemann bestätigt hatte, in den USA Eltern eines Kindes durch eine Leihmutter geworden zu sein.
Bestätigung und persönliche Einordnung
Spahn und sein Ehemann hatten den Schritt am Mittwoch der "Bild"-Zeitung bestätigt. Laut "Bunter" wurde auch das Kind des Paares in den USA geboren. Leihmutterschaften in den USA kosten nach Branchenangaben in der Regel zwischen 100.000 und 250.000 US-Dollar. Spahn sagte laut "Bild"-Auszügen aus einem Interview mit dem stellvertretenden Chefredakteur Paul Ronzheimer: "Ich stelle mich der Debatte."
Spahn warb um Verständnis für seinen langen persönlichen Abwägungsprozess. "Ich habe lange mit mir gerungen, auch was das Thema Leihmutterschaft angeht", sagte er. "Ich bin lange zerrissen gewesen." Zugleich betonte er, dass er aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen ableite: "Jens Spahn leitet grundsätzlich aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen ab."
Kritik aus den eigenen Reihen
Die Reaktionen aus den eigenen Reihen fielen jedoch deutlich kritisch aus. Mecklenburg-Vorpommerns CDU-Landesvorsitzender Daniel Peters sagte der "Bild"-Zeitung: "Jens Spahn ist als Vorsitzender der Unionsfraktion nicht mehr tragbar und muss zurücktreten." Peters kritisierte, Spahn habe sich "in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt" und nehme für sich in Anspruch, "als Privatperson ganz anders handeln zu können, als er als CDU-Mandatsträger abstimmt". Peters weiter: "Das gehe überhaupt nicht."
Der Berliner CDU-Abgeordnete Peer Mock-Stümer sagte im "Stern", Spahns Rücktritt sei "zwingend". Die rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete Ellen Demuth schrieb in einem internen Chat, aus dem "Politico" zitiert, sie fühle sich durch die Haltung des Vorsitzenden als Mitglied der christlich-konservativen Fraktion nicht mehr repräsentiert.
Der Vorsitzende der Senioren-Union, Hubert Hüppe, zeigte sich gegenüber dem "Spiegel" "persönlich geschockt" und sagte dem Magazin "Focus": "Die Leihmutterschaft ist zu Recht in Deutschland verboten." Hüppe kritisierte: "Es ist nicht gut, wenn sich Politiker mit Macht und Geld darüber hinwegsetzen."
Vorwürfe von Grünen, FDP und Linken
Aus den Reihen der Grünen, der FDP und der Linken kam ebenfalls scharfe Kritik. Der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Janosch Dahmen, warf Spahn Doppelstandards vor: "Wer Regeln politisch propagiert, sollte nachvollziehbar erklären, warum sie für ihn selbst offenbar nicht gelten sollen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Grünen-Chef Felix Banaszak sagte dem Fernsehsender Welt TV: "Ich glaube, das muss er jetzt auch tun" – also öffentlich Fragen beantworten. Banaszak erklärte dem Berliner Tagesspiegel, für ihn persönlich wäre die Inanspruchnahme einer Leihmutter "nicht der richtige Weg".
Die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Kathrin Gebel, sagte: "Was ich nicht respektieren kann, sind Politiker, die in Deutschland für Gesetze sorgen, die sie dann mit Geld und Kontakten international umgehen." Sie betonte zugleich, die Familie von Jens Spahn verdiene wie jede andere Familie Respekt. Gebel warnte, Schwangerschaft und Geburt dürften nicht "zu Dienstleistungen werden, die sich vor allem Wohlhabende kaufen können".
Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Henning Höne sagte dem RND, Leihmutterschaft sei eine komplexe ethische Frage, bei der er unterschiedliche Meinungen respektieren könne. Die SPD-Abgeordnete Carmen Wegge kritisierte im "Spiegel": "Wer es sich finanziell leisten kann, wählt den Weg über eine Leihmutter im Ausland, anstatt sich beispielsweise für ein Pflege- oder Adoptivkind zu öffnen."
Spahns frühere Positionierung
Spahn war von 2018 bis 2021 deutscher Gesundheitsminister. In seinen Zuständigkeitsbereich fiel damit das Embryonenschutzgesetz, in dem das Verbot der Leihmutterschaft geregelt ist. 2015 hatte ihn das Magazin "GQ" mit den Worten zitiert: "Als schwuler Mann und Christ kann ich persönlich mich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden." Auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion hatte das Haus 2020 geantwortet, eine Änderung der Rechtslage sei in der laufenden Legislaturperiode nicht geplant; die Ratio liege "primär in der Wahrung des Kindeswohls".
Spahn verwies auf seinen persönlichen Wandel. "Ich selbst halte sie aus guten Gründen für problematisch", sagte er mit Blick auf Leihmutterschaft. Zugleich warb er um Nachsicht: "Wer selbst einmal vor eine solche Frage gestellt war, wird möglicherweise milder urteilen." Über seine politische Zukunft sagte er: "Ich werde die Frage, wie es weitergeht, mit der Fraktion natürlich erörtern, wenn wir uns im September wiedersehen."
Kanzler Merz und die Bundesregierung
Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte an, das Thema in der nächsten Präsidiumssitzung der CDU zu besprechen. Bei einer Pressekonferenz mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Brühl sagte Merz, ihm sei bewusst, dass das Thema "in seiner ganzen Dimension menschlich, juristisch, gesellschaftlich, ethisch" sehr viele Menschen bewege. Er sehe nicht, dass an der geltenden Rechtslage "Änderungen vorgenommen werden sollen".
Ein Sprecher der Bundesregierung erklärte gegenüber den Funke-Zeitungen: "Der Koalitionsvertrag sieht keine Änderung der aktuellen Rechtslage vor." Auch ein Sprecher betonte: "Eltern werden oder Leihmutter sein steht nicht unter Strafe."
Aus der CSU kam Rückendeckung für die geltende Rechtslage, aber auch Kritik an Spahns Verhalten. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann sagte dem RND, er wünsche Spahn und seiner Familie "alles Gute und Gottes Segen". Der bayerische CSU-Landtagsfraktionschef Klaus Holetschek sagte der dpa: "Es geht um die Glaubwürdigkeit unserer Politik." Holetschek betonte: "Was in Deutschland verboten ist, bleibt verboten – und daran werden wir nicht rütteln."
Rückendeckung und Solidarität
Der Schöneberger Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak sprang Spahn hingegen auf "X" bei: Es gehe auch um die Perspektive eines Paares, das sich sehnlichst ein eigenes Kind wünsche. Berlins CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers sagte am Rande der Queeren Wahlarena von Tagesspiegel, CSD Berlin und LSVD, für ihn persönlich wäre die Inanspruchnahme einer Leihmutter "nicht der richtige Weg".
Eine von der damaligen Ampelregierung im März 2023 eingesetzte Kommission kam zum Ergebnis, dass eine Legalisierung der EIZellenspende verfassungsrechtlich möglich wäre. Die Debatte über Leihmutterschaft ist davon zu trennen. Spahn sagte laut "Bild"-Auszügen: "Ich werde mit meiner Fraktion darüber reden und das in ihre Verantwortung – wo es ja auch hingehört, der Vorsitzende der Fraktion – auch legen."
Spahn war in der Vergangenheit bereits mehrfach in die Kritik geraten. So geriet er etwa 2020 in die Kritik, als er eine Luxusvilla in Berlin kaufte und dafür einen großzügigen Kredit von der Bank in Anspruch nahm, in deren Verwaltungsrat er zuvor gesessen hatte. Die aktuelle Debatte verbindet die persönliche Lebensentscheidung mit der Frage politischer Glaubwürdigkeit.
Ethische und rechtliche Einordnung
Die Linken-Politikerin Gebel sagte: "Wenn er seine politische Haltung zur Leihmutterschaft geändert hat, sollte er das offen erklären." Sie selbst warnte, Schwangerschaft und Geburt dürften nicht "zu Dienstleistungen werden, die sich vor allem Wohlhabende kaufen können".
Hüppe sagte dem "Focus": "Unsere Gesetze in Europa messen dem Schutz der austragenden Frau vor Ausbeutung, der Vermeidung einer Kommerzialisierung von Schwangerschaft und Geburt sowie dem Schutz des Kindes vor komplexen Abstammungskonflikten eine große Bedeutung bei." Umso mehr irritiere ihn, "wenn Politiker, die hier jedwede Liberalisierung gesetzlicher Grundlagen zur Leihmutterschaft vehement ablehnen, dann aber selbst im Ausland genau diese in Anspruch nehmen".
Die Nachricht wurde am 17.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. Spahn kündigte an, die Frage seiner politischen Zukunft mit der Fraktion zu erörtern. Über einen Rücktritt, wie ihn Teile der eigenen Partei gefordert hatten, könne nur die Fraktion entscheiden.
Ausblick auf die Fraktionssitzung im September
Die ethischen Fragen rund um Leihmutterschaft seien "nicht trivial", sagte Höne. Gebel betonte, eine sogenannte altruistische Leihmutterschaft – also ohne Bezahlung – sehe sie ebenfalls kritisch, "da eine Schwangerschaft und die Geburt erhebliche körperliche, gesundheitliche und soziale Risiken für die betroffenen Frauen mit sich bringen".
Hüppe sagte dem "Focus" weiter: "Leihmutter kann dort nur werden, wer finanziell unabhängig ist, bereits eigene Kinder und ein geordnetes Familienleben hat." Damit verwies er auf die strukturellen Bedingungen in den USA, die Leihmutterschaft in Deutschland – wo sie verboten ist – von der Praxis im Ausland abgrenzen.
Spahn sagte laut "Bild"-Auszügen: "Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht." Damit spielte er auf den Spagat zwischen persönlicher Lebensentscheidung und politischer Verantwortung an. Die kommenden Wochen – insbesondere die Fraktionssitzung im September – gelten als entscheidend für seine weitere Amtsführung als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Fragen & Antworten
Was hat Jens Spahn bestätigt?
Spahn und sein Ehemann haben gegenüber der "Bild"-Zeitung bestätigt, dass sie in den USA Eltern eines Kindes durch eine Leihmutter geworden sind. Laut "Bunter" wurde auch das Kind des Paares in den USA geboren.
Warum steht Spahn unter Druck?
Kritiker werfen ihm Doppelstandards vor, weil er als früherer Gesundheitsminister (2018–2021) für das Embryonenschutzgesetz zuständig war, in dem Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist, während er privat in den USA genau diesen Weg gewählt hat. Aus den eigenen Reihen, von Grünen, FDP und Linken sowie aus der Senioren-Union gibt es Rücktrittsforderungen.
Wie könnte es politisch weitergehen?
Spahn hat angekündigt, die Frage seiner politischen Zukunft mit der Fraktion zu erörtern, wenn sie sich im September wiedersehe. Bundeskanzler Friedrich Merz will das Thema in der nächsten Präsidiumssitzung der CDU besprechen.
Spahn Leihmutterschaft: Rücktrittsforderungen aus CDU | finanz360