Reform-UK-Chef Farage tritt als Abgeordneter zurück und strebt Nachwahl in Clacton an
London, 7. Juli 2026
Gage Skidmore from Peoria, AZ, United States of America / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0
Kurzfassung
Nigel Farage ist als Abgeordneter des britischen Parlaments zurückgetreten und will sich in seinem Wahlkreis Clacton-on-Sea einer Nachwahl stellen. Hintergrund ist eine Untersuchung wegen eines nicht deklarierten Millionengeschenks von fünf Millionen Pfund. Premier Keir Starmer sprach von einem "verzweifelten Stunt".
Der Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei Reform UK, Nigel Farage, ist als Mitglied des britischen Unterhauses zurückgetreten und hat für seinen Wahlkreis Clacton-on-Sea eine Nachwahl ausgelöst.
Rücktritt mit Ansage
Der Schritt erfolgte am Dienstag mit einer emotionalen Ansprache, in der Farage den Medien eine Kampagne gegen sich und seine Familie vorwarf. "Ich war in meinem Leben noch nie wütender", sagte der 62-Jährige laut den vorliegenden Berichten. Gleichzeitig kündigte er an, sich bei der anstehenden Nachwahl in seinem Wahlkreis den Wählern zu stellen: "Ich habe entschieden, dass die Menschen in Clacton-on-Sea die Richter meiner Handlungen sein sollen", sagte Farage mit Blick auf den Wahlkreis in Südostengland, den er seit zwei Jahren vertritt. Er werde "der Einheitskandidat sein und zumindest ein leistbares Haus errichten".
Hintergrund des Rücktritts ist eine laufende Untersuchung zu einem Geldgeschenk in Höhe von fünf Millionen Pfund (umgerechnet rund 5,8 Millionen Euro), das Farage nach Enthüllungen des "Guardian" kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten erhalten haben soll. Wie der "Guardian" zudem enthüllte, erhielt der 62-Jährige kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten ein Geldgeschenk in Höhe von fünf Millionen Pfund (umgerechnet 5.4 Millionen Schweizer Franken), das er nicht als Spende deklariert hatte. Eine parlamentarische Aufsicht ermittelt derzeit wegen fünf Millionen Pfund, die der britische Krypto-Milliardär Christopher Harborne mit Sitz in Thailand Farage zukommen ließ.
Millionengeschenk im Zentrum der Ermittlungen
Farage bestritt ein Fehlverhalten. "Ich habe das Gesetz in keinerlei Weise gebrochen", sagte er. Auch erklärte er: "Ich habe kein öffentliches Geld missbraucht." Eine unabhängige Berichterstattung war bei der Aufzeichnung seiner Rede nicht zugelassen, unabhängige Journalistinnen und Journalisten waren zur Aufzeichnung der Rede nicht eingeladen und konnten keine Fragen stellen.
Neben den bisherigen Ermittlungen zur Annahme des Fünf-Millionen-Pfund-Geschenks, das Farage nicht vorschriftsgemäß deklariert hatte, gibt es offenbar ein zweites Verfahren. Farage wird dabei vorgeworfen, Sachspenden – darunter Sicherheitsleute, Personal und Unterkunft – eines Vertrauten im Wahlkampf 2024 nicht gemeldet zu haben. Bei diesem Vertrauten handelt es sich um den 32-jährigen Geschäftsmann George Cottrell. Der Erbe eines Seifen-Imperiums war 2017 bereits enger Mitarbeiter von Farage und wurde wegen Geldwäsche in den USA zu acht Monaten Haft verurteilt.
Zweites Verfahren gegen Farage
Sollte Farage ein Verstoß gegen die Regeln nachgewiesen werden, könnte er sein Mandat verlieren. Abgeordnete in Großbritannien müssen ihre Nebeneinkünfte und Spenden offenlegen – auch für den Zeitraum von bis zu einem Jahr vor ihrer Wahl. Die Regeln sehen vor, dass Verstöße gegen die Offenlegungspflichten zum Mandatsverlust führen können.
Farage versuchte, den Schritt als Befreiungsschlag darzustellen. Bei der Nachwahl trete nun "das Volk gegen das Establishment" an, sagte er. "Ich werde kämpfen, um zu gewinnen." Die Position Farages in der Partei gilt als gefestigt: Der Vorsprung von Reform UK auf die anderen Parteien lässt sogar einen Einzug Farages in den Regierungssitz 10 Downing Street nach der nächsten Parlamentswahl als durchaus möglich erscheinen.
Premier Keir Starmer von der Labour-Partei sprach nach der Ankündigung von einem "verzweifelten Stunt". Dass er derjenige sei, der interviewt werde, weil die großen Parteien keinen Kandidaten bei der Nachwahl aufstellen, "sagt mehr über sie aus als über mich", konterte Farage. Auch innerhalb der Konservativen gibt es Anzeichen dafür, dass die großen Parteien möglicherweise gar nicht antreten werden.
Count Binface als möglicher Gegner
Was als politisches Manöver gedacht war, droht nun allerdings zur Blamage zu werden: Farages einziger Herausforderer in Clacton könnte der Spaßkandidat "Count Binface" ("Graf Mülltonnengesicht") sein. Dargestellt vom Komiker Jon Harvey, hat der "intergalaktische Weltraumkrieger", der stets in der Figur einer sprechenden Mülltonne auftritt, schon an zahlreichen wichtigen Wahlen teilgenommen – zuletzt etwa gegen Andy Burnham im nordenglischen Makerfield, früher auch gegen Premier Rishi Sunak oder bei zwei Londoner Bürgermeisterwahlen.
Der Komiker Jon Harvey, der seit Jahren als "intergalaktischer Weltraumkrieger" bei Wahlen antritt, könnte damit Farages einziger Herausforderer sein. Auch interessant: Count Binface, auf Deutsch etwa "Graf Mülltonnengesicht" alias Jon Harvey, ist ein regulärer Teilnehmer bei britischen Wahlen. Seine Aufgabe sei es, "die Wunder der britischen Demokratie zu feiern und zu verteidigen", sagte er.
Neben Binface treten auch die "Reclaim"-Partei an, die sich gegen die angeblich "woke" Kultur richtet, die Rejoin-EU-Partei, deren Name Programm ist, sowie die Jux-Partei "Monster Raving Loony Party". Die 1982 gegründete Official Monster Raving Loony Party tritt regelmäßig mit Quatschkandidaten bei Wahlen an.
Politische Vorgeschichte: Mr. Brexit
Die Vorgeschichte der grotesken Kandidaten bei britischen Wahlen reicht weit zurück: Als Boris Johnson 2019 seinen Sieg bei der Parlamentswahl feierte, tummelten sich neben dem Weltraumkrieger noch ein Kandidat im Kostüm der Sesamstraßenfigur Elmo, ein Lord Buckethead (Lord Eimerkopf) und ein Yace Yogenstein, auch bekannt als Interplanetary Time Lord, auf der Bühne mit dem siegreichen Kandidaten. Farage hatte bereits erklärt, er werde "der Einheitskandidat sein und zumindest ein leistbares Haus errichten".
Für den auch als "Mr. Brexit" bekannten Politiker ist es nicht der erste taktische Rücktritt. Schon kurz nach dem aus seiner Sicht erfolgreichen Brexit-Referendum 2016 trat Farage als Chef der Ukip-Partei ab – nur um später an der Spitze der neu gegründeten Brexit-Partei wieder ins Rampenlicht zurückzukehren. Auch deren Vorsitz legte Farage nach dem tatsächlichen EU-Austritt im Frühjahr 2021 nieder. Kurz vor der Parlamentswahl im Juli 2024 kehrte er dann an die Parteispitze zurück.
Risiken und Chancen für Reform UK
Der Reform-Chef steckt nach Darstellung von Beobachtern "bis zum Hals in Skandalen". "Das Parlament hat bestimmt, das Volk wird entscheiden" sozusagen, aber in einer britischen Version, formulierte eine Analyse. "Los geht's, Nige", schrieb der Geschäftsmann George Cottrell kurz nach der Rücktrittsankündigung von Farage in einem X-Beitrag. Nach seiner Entlassung aus US-Haft kehrte er zu Farages diversen Parteien (Ukip, Brexit, Reform) zurück und wurde 2019 auch Stabschef des Parteichefs.
Die politische Beobachtung fällt ambivalent aus. Einerseits wird der Rücktritt als taktischer Schachzug eines erfahrenen Politikers gedeutet, der seine Stellung in der Partei sichern will. Andererseits sehen Kritiker darin den Versuch, einer drohenden Aberkennung des Mandats durch eine parteiliche Kontrollinstanz zuvorzukommen. Klar ist, dass die kommenden Wochen die Reform UK und ihren Vorsitzenden auf eine harte Probe stellen werden.
Fest steht: Mit der Nachwahl in Clacton-on-Sea wird Farage sich dem Urteil der Wählerinnen und Wähler direkt stellen müssen. Sollte er die Wahl trotz der Skandale deutlich gewinnen, wäre dies ein starkes Signal an seine politischen Gegner. Sollte er hingegen scheitern oder nur knapp gewinnen, wäre seine Stellung als Galionsfigur der britischen Rechten ernsthaft gefährdet.
Fragen & Antworten
Warum ist Nigel Farage als Abgeordneter zurückgetreten?
Farage trat am Dienstag als Mitglied des britischen Unterhauses zurück, um sich in seinem Wahlkreis Clacton-on-Sea einer Nachwahl zu stellen. Hintergrund ist eine laufende Untersuchung wegen eines nicht deklarierten Geldgeschenks von fünf Millionen Pfund.
Worum geht es bei den Ermittlungen gegen Farage?
Eine parlamentarische Aufsicht prüft, ob Farage ein Geschenk von fünf Millionen Pfund des in Thailand ansässigen Krypto-Milliardärs Christopher Harborne vorschriftsgemäß deklariert hat. Zudem gibt es offenbar ein zweites Verfahren wegen nicht gemeldeter Sachspenden seines Vertrauten George Cottrell im Wahlkampf 2024.
Wer könnte bei der Nachwahl in Clacton gegen Farage antreten?
Farages bislang einziger bekannter Herausforderer ist der Spaßkandidat "Count Binface", dargestellt vom Komiker Jon Harvey. Auch die Reclaim-Partei, die Rejoin-EU-Partei und die Monster Raving Loony Party werden voraussichtlich antreten; die großen Parteien erwägen offenbar, keinen eigenen Kandidaten aufzustellen.
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