Lampedusa, 04 Juli 2026
Papst Leo XIV. hat am Samstag die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa besucht und dort am Friedhof der Insel, am umbenannten Landungssteg „Molo Papa Francesco" und am Denkmal Porta d'Europa der im Mittelmeer ums Leben gekommenen Migranten gedacht.
Was ist neu seit dem 4. Juli
Update vom 5. Juli 2026: Papst Leo XIV. hat am Wochenende als erster Papst aus den USA die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa besucht, am dortigen Friedhof der im Meer gestorbenen Migranten Blumen niedergelegt, am Landungssteg eine Gedenktafel für seinen 2025 verstorbenen Vorgänger Franziskus gesegnet und am Denkmal Porta d'Europa eine Messe gefeiert. Erstmals seit dem Lampedusa-Besuch Franziskus' im Juli 2013 reiste damit wieder ein Papst auf das kleine Eiland, das wie kein anderer Ort in Europa zum Symbol für das Drama der Flüchtlings- und Migrationsströme geworden ist.
Der Besuch auf der „Flüchtlingsinsel"
Was ist neu seit dem 4. Juli
Die Rede: Migration als historische Herausforderung
Seit der letzten Berichterstattung sind weitere Details des Papstbesuchs bekannt geworden. So legte Leo XIV. zum Auftakt seines Besuchs Blumen an Gräbern von Migranten nieder und gedachte dort auch der Kinder, darunter des sechs Monate alten Youssef Ali Kanneh, der 2020 bei einem Unglück im Mittelmeer ums Leben kam. Am Hafen segnete er eine Gedenktafel, mit der der rund 150 Meter lange Landungssteg in „Molo Papa Francesco" umbenannt wurde – im Gedenken an den Besuch von Franziskus im Jahr 2013. Im Vergleich zum Vortag wird zudem die symbolische Geste deutlicher, mit der Leo die Einladung von US-Präsident Donald Trump zu den Feierlichkeiten am 250. Unabhängigkeitstag der USA ausschlug und stattdessen am US-Nationalfeiertag nach Lampedusa reiste – was als unmissverständliche Kritik an Trumps Abschiebepolitik gedeutet wird.
Berührende Begegnung mit einem Flüchtlingsjungen
Der Besuch auf der „Flüchtlingsinsel"
Zahlen, die das Ausmaß verdeutlichen
Die rund 20 Quadratkilometer große und etwa 6.000 Einwohner zählende Insel Lampedusa liegt knapp 140 Kilometer vor der tunesischen Küste und damit näher an Afrika als an Italien. Bekannt wurde sie vor allem durch das verheerende Bootsunglück vom 3. Oktober 2013, bei dem mindestens 368 Flüchtlinge und Migranten vor der Insel ertranken. Auf dem Friedhof des Eilands werden neben den verstorbenen Bewohnern auch ertrunkene Flüchtlinge beigesetzt, viele von ihnen anonym. An dem Landungssteg, wo Rettungsschiffe der Küstenwache und überladene Boote anlegen, gehen seit Jahren Menschen an Land, die die gefährliche Überfahrt überlebt haben.
Lage auf Lampedusa heute
Leo XIV. traf am Vormittag auf der Insel ein und wurde von Vertretern der italienischen Rechtsregierung, des Präsidenten von Sizilien – zu dem Lampedusa verwaltungstechnisch gehört – sowie von lokalen Behördenvertretern empfangen. Das Aufnahmezentrum der Insel besuchte der Papst nicht; stattdessen kam es am Landungssteg und an der Porta d'Europa zu Begegnungen mit Geflüchteten und Vertretern von Hilfswerken, denen Leo, wie auch der Küstenwache, für ihren Einsatz dankte. Am Mahnmal Porta d'Europa, einem einfachen Denkmal aus Eisen am südlichsten Punkt der Insel, sprach der Papst auch kurz mit einer Migrantenfamilie und traf eine Gruppe von 15 Migranten, die sich in dem vom Roten Kreuz verwalteten Hotspot aufhalten.
Echo in Europa und den USA
Die Rede: Migration als historische Herausforderung
Die Vorgeschichte: Franziskus' erster Pontifikatsbesuch
In seiner Messe auf dem kleinen Sportplatz der Insel bezeichnete Leo XIV. das Phänomen der Migration als „historische Herausforderung für die europäischen Gesellschaften". „Von diesem äußersten, im Mittelmeer gelegenen Zipfel Europas aus, lässt sich am besten erkennen, vor welch historische Herausforderung das Phänomen der Migration die europäischen Gesellschaften stellt", betonte er. Der Papst forderte, die Soforthilfe in einen langfristigen strategischen Plan einzubinden, „der Migranten aufnimmt, schützt, fördert und integriert und gleichzeitig auf Entwicklung hinarbeitet, damit niemand zur Auswanderung gezwungen wird".
Ein Ort der Hoffnung
Europa verfüge über ein „einzigartiges Potenzial", das sich aus seiner Geschichte und Kultur ergebe, und trage somit „eine entsprechende Verantwortung", sagte der Papst. „Aufgrund seiner geografischen Lage und seiner institutionellen Rahmenbedingungen ist Europa in der Lage, die Krise in diesem Bereich ganzheitlich anzugehen, indem es Nothilfe mit einem langfristigen strategischen Plan verbindet, der in der Lage ist, Migranten aufzunehmen, zu schützen, zu fördern, zu integrieren und der zugleich Entwicklung begünstigt, damit niemand zur Auswanderung gezwungen ist", so der Papst weiter. Der Schutz allen menschlichen Lebens bedeute auch, „Migranten willkommen zu heißen, sie zu schützen und ihnen beizustehen", schrieb Leo.
Berührende Begegnung mit einem Flüchtlingsjungen
Besonders berührend war nach Angaben des Vatikans ein Gespräch des Papstes mit einem Flüchtlingsjungen an der Porta d'Europa. Das Kind schilderte Leo XIV. seine Geschichte und berichtete: „Ich war allein und hatte alles verloren - besonders meine Mama". Der Bub habe den Papst gebeten, ihm einen Fußball zu schenken, und seine Worte in einem Brief niedergeschrieben, auf den er den Ball gemalt habe, berichtete der Vatikan weiter. Leo schrieb dem Jungen: „Ich hoffe so sehr, dass dieser Ball, den ich dir jetzt schenke, ein anderes Kind erreicht und es genauso glücklich macht wie mich". Der Junge antwortete: „Vor zehn Jahren hat meine Geschichte hier in Lampedusa begonnen. Seitdem ist der Ball in meinem Herzen geblieben und ich habe nie wieder aufgehört zu spielen."
Zahlen, die das Ausmaß verdeutlichen
Nach Angaben des Projekts „Missing Migrants" der Internationalen Organisation für Migration (IOM) starben oder verschwanden seit 2014 insgesamt 35.070 Menschen im Mittelmeer (Stand 4. Juli). Allein in diesem Jahr liegt die Zahl nach Angaben des Berichts bereits bei mehr als 1.400, davon etwa 900 auf der zentralen Mittelmeerroute südlich von Sizilien – der Route, auf der die meisten Boote untergehen. Seit dem Besuch Franziskus' im Jahr 2013 zählte die IOM auf der zentralen Mittelmeer-Route, die als die tödlichste aller Migrationsrouten in Richtung Europa gilt, weitere 26.000 Tote und Vermisste.
Lage auf Lampedusa heute
Die Lage im Aufnahmezentrum der Insel hat sich in den vergangenen Jahren deutlich entspannt. Waren 2023 noch zeitweise bis zu 1.000 Bootsflüchtlinge täglich angekommen – in eigenen Booten oder auf Rettungsschiffen der Küstenwache und Finanzpolizei –, gingen die Ankunftszahlen seither stark zurück. Bis Anfang Juli 2026 landeten in Italien in diesem Jahr rund 14.000 Flüchtlinge und Migranten – weniger als die Hälfte als in den ersten sechs Monaten des Vorjahrs. Auf das ganze Jahr gesehen gingen die Zahlen zuletzt von 158.000 (2023) auf 66.000 (2025) zurück, was vor allem mit der restriktiveren Politik der italienischen Regierung von Giorgia Meloni erklärt wird. Dennoch klagen Rettungsorganisationen darüber, dass sich Italiens Küstenwache weitgehend aus dem Meer südlich von Sizilien zurückgezogen habe.
Echo in Europa und den USA
Der Besuch fiel auf den 250. Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten. Leo XIV. hatte zuvor eine Einladung von US-Präsident Donald Trump zu den Feierlichkeiten in dessen Heimat ausgeschlagen. Bereits im Mai 2025, kurz nach Amtsantritt, hatte Leo einen Umschlag von US-Vizepräsident James David Vance entgegengenommen und ihn ungeöffnet auf seinen Schreibtisch gelegt – was seitdem Anlass zu Spekulationen gibt. Dass Leo stattdessen am US-Nationalfeiertag Lampedusa besuchte, wurde als unmissverständliche päpstliche Kritik an Trumps Abschiebepolitik gedeutet. Auch in einem Brief an die Amerikaner zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit betonte Leo die Bedeutung des Schutzes menschlichen Lebens.
Der Papst verwies zudem auf die Solidarität Europas, das seine Einwanderungsregeln mit dem im Juni 2026 in Kraft getretenen „Migrationspakt" ebenfalls verschärft hat. „Danke, Brüder und Schwestern, denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass ihr euch dem Nächsten zuwendet - das geschieht nicht automatisch", sagte der Papst. „Heute bin ich hier, um Ihnen zu sagen: Der Papst steht Ihnen weiterhin nahe, unterstützt Sie und ermutigt Sie", sagte Leo XIV. an die Helfer und Migranten gerichtet. Bereits Mitte Juni hatte er beim Besuch eines Aufnahmezentrums auf der zu Spanien gehörenden Kanareninsel Teneriffa gesagt: „In gewisser Weise sind wir alle Migranten."
Die Vorgeschichte: Franziskus' erster Pontifikatsbesuch
Leo XIV., der in Chicago als Robert Francis Prevost aufgewachsen ist und der erste Papst aus den USA ist, trat mit dem Besuch in die Fußstapfen seines Vorgängers Franziskus. Der im April 2025 verstorbene Argentinier hatte Lampedusa am 8. Juli 2013 als erste Reise seines Pontifikats besucht und die Opfer von Flucht und Migration ins Zentrum gerückt. Damals hatte Franziskus einen Kranz mit Blumen in die Wellen geworfen und von einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit" gesprochen – eine Formulierung, die seine gut zwölfjährige Amtszeit prägen sollte. Mit der Umbenennung des Landungsstegs in „Molo Papa Francesco" und der Segnung der Gedenktafel würdigte Leo das Engagement seines Vorgängers. Am Hafen erinnert eine wellenförmige Kalksteinsäule mit der Aufschrift „Pier Papst Franziskus: Ort der Ankunft, der Hoffnung und der Menschlichkeit" an jenen Besuch.
Ein Ort der Hoffnung
Vor seiner Rückreise nach Rom feierte der Papst am Sportplatz der Insel eine Messe und dankte den Helfern sowie der Küstenwache. Lampedusa, so machten seine Worte deutlich, solle nicht nur als Ort des Schreckens, sondern auch als „Ort der Hoffnung" gelten. Die Botschaft, die Leo mit dem Besuch verband, glich der seines Vorgängers – und unterstrich zugleich, dass die Probleme, die Franziskus vor 13 Jahren angeprangert hatte, bis heute nicht gelöst sind.
