Der 45-jährige mutmaßliche Täter der Schüsse in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade mit sechs Toten ist am Dienstagmorgen tot in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Bremervörde aufgefunden worden.
Ablauf am Dienstagmorgen
Wie das niedersächsische Justizministerium am Dienstag in Hannover mitteilte, wurde der 45-Jährige am Morgen leblos entdeckt. Ein Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt entdeckte den Mann den Angaben zufolge am Dienstag gegen 6.05 Uhr bei einer Routinekontrolle in seiner Einzelzelle. Ein Notarzt habe dann um 6.29 Uhr den Tod des Mannes festgestellt.
Den Angaben zufolge gab es keine Hinweise auf ein Fremdverschulden. Die Ermittlerinnen und Ermittler gehen nach derzeitigem Stand von einem Suizid im Gefängnis aus. Die näheren Umstände würden weiter untersucht, teilte das Ministerium mit.
Tat in Stade und mutmaßliches Motiv
Der 45-Jährige soll vor drei Wochen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade während eines sogenannten Hilfeplangespräches sechs Beschäftigte der Einrichtung und des Jugendamts erschossen haben. Bei den Opfern handelt es sich nach bisherigen Erkenntnissen um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung sowie um Beschäftigte des Jugendamts.
Hintergrund der Tat war nach Ermittlererkenntnissen mutmaßlich ein Sorgerechtsstreit. In der Einrichtung waren demnach die drei Monate alte Tochter des Verdächtigen sowie die 34-jährige Kindsmutter untergebracht. Bei der Einrichtung handelt es sich um eine Jugendhilfeeinrichtung mit Mutter-Kind-Wohnungen.
Nach der Tat war der Mann kurz nach der Tat auf der Flucht festgenommen worden und befand sich seitdem in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hatte Haftbefehl wegen Mordes in sechs Fällen beantragt. Gegen den zum Tatzeitpunkt 45-Jährigen lag zudem ein offener Haftbefehl aus der Türkei vor.
Die Familien der Opfer sowie Angehörige des Verdächtigen wurden über dessen Tod informiert. Das niedersächsische Justizministerium sprach den Hinterbliebenen der Getöteten sein Mitgefühl aus und verwies zugleich auf Hilfsangebote für Menschen in akuten Krisen.
Haftbefehl aus dem Ausland
Die Tat vor drei Wochen hatte bundesweit Bestürzung ausgelöst. Politikerinnen und Politiker sowie Vertreter der Kinder- und Jugendhilfe forderten im Anschluss eine Aufarbeitung des Falls und eine Überprüfung von Sicherheitskonzepten in Einrichtungen der Jugendhilfe.
Im Zentrum der Ermittlungen steht die Frage, wie es zu der Gewalttat in einem als Schutzraum gedachten Umfeld kommen konnte. Die Jugendhilfeeinrichtung in Stade, in der Mutter-Kind-Wohnungen untergebracht sind, war nach früheren Angaben als besonders schutzbedürftiger Ort konzipiert.
Nach Bekanntwerden der Schüsse hatte die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen eines möglichen Sorgerechtsstreits ermittelt. Die Ermittlerinnen und Ermittler gingen davon aus, dass der Mann aus Verzweiflung über den Verlust des Sorgerechts für seine Tochter gehandelt haben könnte.
Parallel zu den laufenden Ermittlungen wurde bekannt, dass ein internationaler Haftbefehl aus der Türkei gegen den Mann vorlag. Einzelheiten zu dem türkischen Verfahren wurden von den niedersächsischen Behörden zunächst nicht öffentlich gemacht.
Offene Ermittlungen und Konsequenzen
Die Leitung der Justizvollzugsanstalt Bremervörde verwies auf eingeleitete Untersuchungen zu den Umständen des Todes in der Zelle. Üblich sei in solchen Fällen eine Meldung an die Staatsanwaltschaft sowie eine interne Aufarbeitung.
Auch die genaue Todesursache ist Gegenstand laufender Ermittlungen. Obwohl die Ermittlerinnen und Ermittler von einem Suizid ausgehen, sollen alle Möglichkeiten geprüft werden. Eine rechtsmedizinische Untersuchung wurde angeordnet.
Mit dem Tod des Tatverdächtigen endet das Strafverfahren gegen ihn, soweit es um die Schüsse in Stade geht. Zivilrechtliche Fragen sowie mögliche Ansprüche von Angehörigen der Opfer bleiben davon allerdings unberührt.
Hilfsangebote für Betroffene
Die Psychologische Betreuung für die Überlebenden, Angehörige und Beschäftigte der Einrichtung läuft nach Angaben von Hilfsorganisationen weiter. Spezialisierte Opferhilfsstellen bieten den Hinterbliebenen Gespräche und langfristige Begleitung an.
Die Telefonseelsorge ist in Deutschland rund um die Uhr kostenfrei unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 erreichbar. Für Kinder und Jugendliche steht das Kinder- und Jugendtelefon unter 0800-111 0 333 oder 116 111 zur Verfügung. Das Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe ist unter 0800 33 44 533 zu erreichen.
Bei akuter Suizidgefahr rät die Deutsche Depressionshilfe, den Notruf 112 zu wählen, eine psychiatrische Klinik aufzusuchen oder sich an behandelnde Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu wenden.
