Israelische Angriffe auf Beirut und Südlibanon erschüttern brüchige Waffenruhe
Beirut, 07 Juni 2026
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Kurzfassung
Die israelische Armee hat Vororte der libanesischen Hauptstadt Beirut bombardiert und dabei nach libanesischen Angaben mindestens zwei Menschen getötet. Zuvor hatte die Armee in Washington vereinbarte Waffenruhe-Gespräche zwischen Israel und der libanesischen Regierung durch neuerliche Angriffe faktisch unterlaufen.
Beirut, 07 Juni 2026
Die israelische Luftwaffe hat am Sonntag Vororte der libanesischen Hauptstadt Beirut bombardiert und damit die erst wenige Tage zuvor in Washington vereinbarte Waffenruhe zwischen Israel und der libanesischen Regierung durchbrochen.
Angriffe auf Dahyeh: Rauchwolken über den Vororten
Nach Angaben der libanesischen Armee und örtlicher Krankenhäuser wurden bei den Angriffen in den südlichen Vororten Beiruts mindestens zwei Menschen getötet, weitere wurden verletzt. Erstmals seit der Bekanntgabe der Waffenruhe schlugen israelische Kampfflugzeuge nach libanesischer Darstellung in der schiitisch geprägten Hochburg Dahyeh zu, die als Bastion der proiranischen Hisbollah gilt, aber auch dicht bewohnt ist. Augenzeugenvideos zeigten dichte Rauchwolken über dem Stadtteil. Augenzeugen beschrieben schwere Zerstörung an einem der Gebäude über mehrere Stockwerke.
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz erklärten in einer gemeinsamen Stellungnahme, die Angriffe richteten sich gegen "Terrorist"-Basen der Hisbollah in dem überwiegend schiitischen Viertel Dahiyeh. Sie kündigten zudem an, dass die israelische Armee im Laufe einer Woche im Libanon 350 "Terroristen" getötet habe. Am Beginn einer Kabinettssitzung sagte Netanjahu: "Wir werden nicht zulassen, dass die Hisbollah auf unser Gebiet und unsere Gemeinden schießt - und wir werden entsprechend handeln." Außerdem erklärte er: "Wir greifen sie sehr hart an, und wir wissen, dass die Hisbollah auf der Flucht ist."
Auslöser: Raketen aus dem Libanon
Auslöser der Eskalation war nach israelischer Darstellung ein Raketenbeschuss aus dem Libanon auf den Norden Israels. Die israelische Raketenabwehr habe zwei Geschosse abgefangen, die auf israelisches Gebiet vorgedrungen seien, teilte die Armee mit. Zudem lagen nach Armeeangaben konkrete Hinweise vor, dass die Hisbollah aus diesem Gebiet Feuer auf israelische Soldaten eröffnen wollte. Bereits am vorigen Samstag hatte die israelische Armee die Bewohner von fünf Orten im Südlibanon über den Sprecher Avichay Adraee zur sofortigen Flucht nach Norden, jenseits des etwa 30 Kilometer langen Sahrani-Flusses, aufgerufen.
Die Hisbollah wies die zwischen der libanesischen Regierung und Israel in Washington ausgehandelten Bedingungen zurück und war nicht in die Verhandlungen eingebunden. Der Hisbollah-Chef Naim Kassem lehnte das Abkommen ausdrücklich ab. Kurz darauf erfolgten neue Angriffe der mit dem Iran verbündeten Miliz. Israel und die libanesische Regierung hatten in Washington am Mittwoch Gespräche über die "Umsetzung einer Waffenruhe" geführt, die bestimmte "Testgebiete" unter "ausschließlicher Kontrolle" der libanesischen Armee vorsah. Beide Seiten machten die Umsetzung jedoch vom Ende der Hisbollah-Angriffe abhängig.
Tödlicher Angriff auf libanesisches Militärfahrzeug
Besonders brisant ist ein Vorfall im Südlibanon, bei dem nach Angaben der libanesischen Armee zwei Offiziere und ein Soldat der libanesischen Streitkräfte durch einen israelischen Angriff auf ein Militärfahrzeug auf der Straße von Kafr Tibnit nach Charbital in der Region Nabatija getötet wurden. Israel bestätigte den Angriff, widersprach jedoch der Darstellung. Das Fahrzeug habe sich "verdächtig" auf israelische Soldaten zubewegt und sei in einer zuvor evakuierten Kampfzone unterwegs gewesen. Bewegungen in solchen Zonen müssten mit der israelischen Armee abgestimmt werden. Nach der Identifizierung des Fahrzeugs und angesichts dieser Lageeinschätzung sei der Befehl zum Beschuss erteilt worden. Der Vorfall werde untersucht.
Die Führung der libanesischen Armee übte scharfe Kritik an Israel und warf dem Land vor, den Libanon und seine Bevölkerung ununterbrochen anzugreifen. Sie beschuldigte Israel, Lösungen zur Wiederherstellung der Stabilität, einer umfassenden Waffenruhe und eines Rückzugs aus besetzten libanesischen Gebieten vereiteln zu wollen. Die libanesische Armee ist demnach keine aktive Konfliktpartei zwischen Israel und der Hisbollah und verhalte sich neutral.
Der libanesische Präsident Joseph Aoun sprach von einem eklatanten Verstoß gegen die libanesische Souveränität sowie internationale Gesetze und Normen. Die Eskalation erfolge trotz der Bemühungen des Libanons, in Verhandlungen den israelischen Angriffen ohne Abschreckung ein Ende zu setzen.
Hisbollah weist Washingtoner Abkommen zurück
Die Hisbollah, die proiranische Terrorgruppe, hatte zuvor bereits frühere Waffenruhen mit Israel abgelehnt und erkennt auch die neue Vereinbarung nicht an. Die Miliz kündigte an, israelische Soldaten im Südlibanon sowie eine Artilleriestellung auf israelischer Seite angegriffen zu haben. Israel hatte jedoch damit gedroht, diese Gebiete bei Hisbollah-Attacken auf Israel erneut anzugreifen und die Bewohner der Vororte erneut zur Flucht zu drängen.
In den Tagen vor dem Angriff auf Beirut hatte die israelische Armee nach eigenen Angaben innerhalb von 48 Stunden rund 150 Ziele im Südlibanon angegriffen, darunter Waffenlager, Kommandozentralen und Raketenwerfer der Miliz. Am Hiram-Krankenhaus in der Stadt Tyre wurde nach libanesischen Angaben eine Krankenschwester auf dem Weg zur Arbeit durch einen Angriff getötet.
Iran-Krieg weitet sich auf den Libanon aus
Israels Armee meldet Raketenangriffe aus dem Iran. Das US-Militär hat nach eigenen Angaben zwei iranische Drohnen abgeschossen. Zuvor hatte der oberste iranische Unterhändler nach israelischen Angriffen auf den Libanon mit Vergeltung gedroht. Ein iranischer Unterhändler droht mit Angriffen auf US-Stützpunkte. Der Iran besteht darauf, den Libanon in ein mögliches Abkommen mit den USA zur Beendigung des Krieges einzubeziehen.
Erst in der Nacht vor Donnerstag hatten Israel und der Libanon nach US-Angaben einen neuen Anlauf zur Umsetzung der bisher weitgehend unwirksamen Waffenruhe vereinbart. US-Präsident Donald Trump hatte auch einen Stopp israelischer Angriffe in dem Gebiet und ein Ende von Angriffen der Hisbollah auf Israel verkündet. Trump erklärte zudem, dass Iran-Sanktionen ohne ein Friedensabkommen nicht aufgehoben würden. Israel hatte die Angriffe seit Inkrafttreten einer offiziellen Waffenruhe Mitte April deutlich reduziert, die Angriffe auf libanesischem Gebiet reißen jedoch immer wieder Löcher in die brüchige Vereinbarung.
Hintergrund: Eine Waffenruhe mit wachsendem Zerfall
Der Libanon war Anfang März in den Iran-Krieg hineingezogen worden. Als Reaktion auf die Tötung des iranischen Obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei feuerte die Hisbollah seitdem wiederholt Raketen auf Israel. Israel führt seitdem Luftangriffe auf zahlreiche Ziele im Libanon und hat Bodentruppen über die Grenze entsandt. Parallel meldete ein Krankenhaus fünf Tote bei einem israelischen Angriff im Gazastreifen. Zudem wurde ein Toter und Verletzte bei einem mutmaßlichen Anschlag in Israel gemeldet.
Der Bericht wurde am 07.06.2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah dauern zum Zeitpunkt der Berichterstattung im Libanon an.
Die neuen Angriffe in der libanesischen Hauptstadt erfolgen inmitten einer weiter schwelenden regionalen Krise, in der die USA, der Iran und Israel um eine Lösung ringen, die zugleich die Hisbollah im Libanon und die Raketendrohungen aus dem Iran einbeziehen müsste.
Während sich die diplomatischen Bemühungen um eine Waffenruhe fortsetzen, wächst im Südlibanon und in den Vororten Beiruts der Druck auf die Zivilbevölkerung, die zwischen den Frontstellungen der israelischen Armee und der Hisbollah lebt.
Fragen & Antworten
Wer ist Naim Kassem und warum lehnt die Hisbollah die Waffenruhe ab?
Naim Kassem ist Anführer der proiranischen Hisbollah. Die Miliz war nach libanesischen Angaben nicht in die Verhandlungen in Washington eingebunden und lehnt die zwischen Israel und der libanesischen Regierung vereinbarten Bedingungen ab, weshalb kurz darauf neue Angriffe folgten.
Was geschah mit dem libanesischen Militärfahrzeug im Südlibanon?
Nach Angaben der libanesischen Armee wurden zwei Offiziere und ein Soldat getötet, als ein israelischer Angriff ein Militärfahrzeug auf der Straße von Kafr Tibnit nach Charbital in der Region Nabatija traf. Israel bestätigte den Angriff, erklärte jedoch, das Fahrzeug habe sich verdächtig in einer evakuierten Kampfzone bewegt.
Welche Rolle spielt US-Präsident Donald Trump in dem Konflikt?
Trump hatte nach US-Angaben einen Stopp israelischer Angriffe in dem Gebiet und ein Ende der Hisbollah-Angriffe auf Israel verkündet und macht die Aufhebung der Iran-Sanktionen vom Abschluss eines Friedensabkommens abhängig.
Israel bombardiert Beiruter Vororte – Waffenruhe mit | finanz360