Waffenruhe Israel Libanon: Einigung in Washington trotz | finanz360
Israel und Libanon vereinbaren Waffenruhe in Washington – Angriffe dauern dennoch an
Washington/Beirut, 04. Juni 2026
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Kurzfassung
Israel und der Libanon haben in Washington unter US-Vermittlung eine Waffenruhe vereinbart, die an ein Ende der Hisbollah-Angriffe geknüpft ist. Zugleich setzt Israel seine Militäreinsätze im Südlibanon fort, während die Hisbollah die Gespräche ablehnt und UNIFIL-Soldaten getötet werden.
Washington/Beirut, 04. Juni 2026
Israel und der Libanon haben am Mittwoch in Washington unter US-Vermittlung eine Vereinbarung zur Umsetzung einer Waffenruhe getroffen, die nach Angaben beider Seiten an einem vollständigen Ende der Hisbollah-Angriffe auf Israel hängt.
Die Gespräche zwischen einer israelischen und einer libanesischen Delegation fanden in der US-Hauptstadt statt und wurden vom US-Außenministerium vermittelt. Nach Angaben des Ministeriums einigten sich beide Seiten auf eine "Umsetzung einer Waffenruhe". Die Vereinbarung sieht die Schaffung sogenannter "Pilotzonen unter exklusiver Kontrolle der libanesischen Armee" vor, in denen ausschließlich reguläre libanesische Streitkräfte die Kontrolle ausüben sollen. In der gemeinsamen Erklärung heißt es, "diese Schritte werden Fortschritte hin zu einem umfassenden Friedens- und Sicherheitsabkommen ermöglichen".
Es handelt sich um die vierte Gesprächsrunde zwischen israelischen und libanesischen Regierungsvertretern. Nach Angaben des US-Außenministeriums sollen "noch in diesem Monat weitere Gespräche geführt werden". Beide Seiten schränkten in ihrer Erklärung zugleich ein, dass die Umsetzung einer Waffenruhe "von einer vollständigen Einstellung der Angriffe der Hisbollah" auf Israel abhänge.
Inhalt der Vereinbarung
Im Zentrum der Vereinbarung steht der Rückzug der pro-iranischen Hisbollah-Miliz aus Gebieten südlich des Litani-Flusses nahe der israelischen Grenze. Die Hisbollah wird zudem aufgefordert, sämtliche Angriffe auf Israel einzustellen. Beide Seiten stellten klar, dass Israel sich nur dann an die Waffenruhe halten werde, wenn auch die Hisbollah dies tue.
Parallel zu den diplomatischen Bemühungen dauern die Kämpfe an. Israels Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, die Militäreinsätze im Süden des Libanon würden trotz des Abkommens weitergehen. Die Einigung mit dem Libanon räume dem Militär die "Freiheit" ein, Beirut anzugreifen, falls die Hisbollah-Miliz israelische Ortschaften angreife, betonte Katz. Er fügte hinzu, dass die Einsätze im Süden des Libanon im Bereich bis zur "gelben Linie" fortgesetzt würden.
Militärische Lage bleibt angespannt
Die von Israel ausgewiesene sogenannte gelbe Linie befindet sich etwa zehn Kilometer tief auf libanesischem Gebiet. Innerhalb dieser Begrenzung hat die israelische Armee nach eigenen Angaben eine Pufferzone eingerichtet und Truppen stationiert. Israel erneuerte am Donnerstag seine Evakuierungsanordnung für das gesamte Gebiet südlich des Flusses Sahrani, der etwa 40 Kilometer nördlich der Grenze verläuft. Die Armee teilte mit, sie ziele weiter auf Stellungen der Hisbollah.
Die libanesische Nachrichtenagentur NNA berichtete am Donnerstag von israelischen Drohnenangriffen auf Straßen an mehreren Orten im Südlibanon, bei denen es mindestens ein Todesopfer gegeben habe. Das israelische Militär äußerte sich nicht zu den gemeldeten Drohnenangriffen. Die israelische Armee teilte ihrerseits mit, dass im Norden Israels Luftalarm ausgelöst worden sei. Bei dem ersten Vorfall sei ein "feindliches Fluggerät in der Gegend von Kfar Juval" festgestellt worden. Ein zweiter Alarm in der Gegend von Al-Aramsche habe sich als Fehlalarm herausgestellt.
UNIFIL verliert weiteren Blauhelmsoldaten
Im Konflikt wurde ein Blauhelmsoldat getötet. Nach Angaben der UN-Friedensmission im Libanon (Unifil) handelt es sich um den siebten Blauhelmsoldaten, der seit Beginn des Konflikts Anfang März getötet wurde. Der Soldat sei am Morgen "den schweren Verletzungen erlegen, die er erlitten hatte, als Mörsergranaten seine Stellung trafen". Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Belgrad handelt es sich bei dem Toten um einen Staatsbürger Serbiens. Zwei weitere Blauhelmsoldaten seien verletzt worden, hieß es weiter. Einer der Verletzten sei "nach seiner Verletzung in einem Krankenhaus auf dem Stützpunkt notärztlich versorgt und anschließend per Hubschrauber ins Universitätsklinikum in Beirut gebracht worden, wo er starb", erklärte das Ministerium.
Die Hisbollah, die eine Waffenruhe ebenso ablehnt wie die Gespräche zwischen Israel und dem Libanon, hat sich bisher nicht geäußert. Es wurde jedoch erwartet, dass Hisbollah-Chef Naim Kassem am Nachmittag eine Erklärung abgeben würde. Die Hisbollah ist nicht Verhandlungspartner der Gespräche in Washington.
Haltung der Hisbollah und Libanons
Libanons Präsident Aoun erklärte, die Übereinkunft sei "die letzte Chance für einen umfassenden und endgültigen Waffenstillstand" mit Israel und betonte, er warte auf die Antwort der Hisbollah. Die libanesische Regierung ist nach Darstellung der Faktenlage keine Kriegspartei und hat nur begrenzten Einfluss auf die Hisbollah, die im Land operiert.
Israels rechtsextremer Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir bezeichnete die in Washington erzielte Einigung als "großen Fehler". Diese sei "eine Illusion von Beratern, die den Ministerpräsidenten zu falschen Entscheidungen verleiten", schrieb der Minister auf X unter Verweis auf Regierungschef Benjamin Netanjahu. Ben Gvir schrieb auf der Plattform X, der libanesische Staat sei ein "Partner der Hisbollah" und nicht in der Lage, die Miliz aus dem Grenzgebiet zu verdrängen. "Statt sie zu besiegen, findet sich Israel zunehmend mit ihrer Existenz ab", schrieb Ben Gvir. Er warnte, "Tatsächlich werde der Hizbullah-Miliz durch die Vereinbarung nur stärker werden." Ben Gvir sprach von einem "schweren Fehler" und von "Wunschträumen von Beratern, die den Ministerpräsidenten zu falschen Entscheidungen verleiten".
Kritik aus Israel und Iran
Die Revolutionsgarden im Iran forderten am Donnerstag den Rückzug der israelischen Armee aus dem Libanon. Im Zuge des Irankriegs, den Israel und die USA Ende Februar begonnen hatten, hatte die Hisbollah nach der Tötung des iranischen Obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei wieder Raketen auf Israel abgefeuert. Der Libanon war Anfang März in den Irankrieg hineingezogen worden.
Israel und der Libanon unterhalten keine diplomatischen Beziehungen und haben nie ein Friedensabkommen geschlossen. Seit April dieses Jahres sprechen israelische und libanesische Regierungsvertreter erstmals seit 1983 wieder direkt auf politischer Ebene miteinander. Die gemeinsame Erklärung wies Versuche staatlicher oder nicht-staatlicher Akteure zurück, die Zukunft des Libanon in Geiselhaft zu nehmen – eine offensichtliche Anspielung auf den Iran, der die Hisbollah unterstützt.
Hintergrund und offene Fragen
In Verhandlungen mit den USA über ein Rahmenabkommen zur Beendigung des Irankriegs fordert Teheran auch ein Ende des Libanon-Konflikts. Die Zukunft der Beziehungen zwischen Israel und dem Libanon müsse nach Darstellung der gemeinsamen Erklärung von den beiden Regierungen selbst entschieden werden.
Bereits im April dieses Jahres war im Kontext von Gesprächen zwischen Israel und dem Libanon erstmals wieder eine Waffenruhe angekündigt worden. Diese wurde seitdem mehrfach verlängert. Frühere Waffenstillstandsabkommen waren zuvor bereits äußerst fragil gewesen. Israel hatte die Hisbollah beschuldigt, sich unter Verletzung der Waffenruhe wieder aufzurüsten. In der Realität hatte der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah trotz der Waffenruhe weiter angedauert, die Hisbollah feuerte weiter auf Israel, und Israel führte massive Angriffe auf Hisbollah-Stellungen, insbesondere im Südlibanon, durch. Die israelische Armee war zunehmend tiefer in das libanesische Landesinnere vorgedrungen. Bereits ein im November 2024 geschlossener Waffenstillstand war äußerst fragil gewesen. Israel und die Hisbollah befanden sich bereits im offenen Konflikt als Folge des Gaza-Kriegs.
Unklar blieb zunächst, ob die neue Verpflichtung zu einer Waffenruhe eine zeitlich befristete Verlängerung darstellt. Bisherige Waffenstillstandsabkommen waren stets befristet verlängert worden. Auch ist offen, wie die Sicherheitszonen konkret eingerichtet werden sollen. Die gemeinsame Erklärung wurde in der Nacht vom US-Außenministerium veröffentlicht. Der Bericht wurde am 04.06.2026 im Programm Deutschlandfunk ausgestrahlt und basiert auf Meldungen der Nachrichtenagenturen AFP und dpa.
Fragen & Antworten
Was haben Israel und der Libanon in Washington vereinbart?
Beide Seiten einigten sich unter US-Vermittlung auf die Umsetzung einer Waffenruhe, die Schaffung von Pilotzonen unter ausschließlicher Kontrolle der libanesischen Armee vorsieht und an ein vollständiges Ende der Hisbollah-Angriffe auf Israel geknüpft ist.
Warum hält Israel die Waffenruhe nicht ein?
Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, die Militäreinsätze im Südlibanon würden bis zur sogenannten gelben Linie etwa zehn Kilometer tief auf libanesischem Gebiet fortgesetzt; Israel behalte sich zudem Angriffe auf Beirut vor, falls die Hisbollah israelische Ortschaften angreife.
Wer ist nicht an den Verhandlungen beteiligt?
Die pro-iranische Hisbollah-Miliz, die als eigentliche Konfliktpartei gilt, nimmt nicht an den Gesprächen teil und lehnt sowohl die Waffenruhe als auch die Washingtoner Gespräche ab; ein Statement von Hisbollah-Chef Naim Kassem wurde für den Donnerstagnachmittag erwartet.