Teheran, 08 Juni 2026
Ein Revolutionsgericht in Teheran unter dem Vorsitz des Richters Iman Afshari hat die Berufung des iranischen Filmemachers Dschafar Panahi gegen seine einjährige Haftstrafe abgewiesen und damit das erstinstanzliche Urteil wegen "Propaganda gegen das System" bestätigt.
Was ist neu seit dem 7. Juni 2026
Update vom 8. Juni 2026: Die iranische Justiz hat die einjährige Haftstrafe gegen den preisgekrönten iranischen Filmemacher Dschafar Panahi bestätigt. Wie sein Anwalt Mostafa Nili dem Onlineportal Emtedad am Sonntag mitteilte, wies ein Revolutionsgericht in Teheran den Einspruch gegen das im Dezember in Abwesenheit verkündete Urteil zurück. Damit wurde die Verurteilung wegen "Propaganda gegen den Staat" rechtskräftig.
Die Nachrichtagentur APA berichtete unter Berufung auf die Angaben des Anwalts am 8. Juni 2026 über die Entscheidung. Mit dem Urteil bleiben nach Angaben Nilis auch ein zweijähriges Reiseverbot sowie ein Verbot jeder Mitgliedschaft in politischen und sozialen Gruppen gegen Panahi in Kraft. Hoffnungen auf eine Revision des Urteils hätten sich nicht erfüllt, hieß es.
Anklagepunkt Film und Protestbewegung
Im Kern der Anklage steht der Film "Ein einfacher Unfall" (Originaltitel: "A Simple Accident"), den Panahi nach Angaben der Anklagebehörde heimlich gedreht hatte. Das Gericht führte das Werk als zentralen Beweis gegen den Regisseur an. Danach stützte sich die Verurteilung auf mehrere Vorwürfe: das heimliche Drehen eines regierungskritischen Films, die Unterstützung mehrerer Dissidenten und politischer Gefangener sowie das Engagement Panahis für die Protestbewegung "Frau, Leben, Freiheit".
Die Protestbewegung "Frau, Leben, Freiheit" war im Jahr 2022 nach dem gewaltsamen Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini entstanden und hatte sich landesweit gegen die rigide Kleider- und Sittenordnung des Staates gerichtet. Panahi wurde in der Anklageschrift vorgeworfen, diese Bewegung unterstützt zu haben. Die Vorwürfe summieren sich aus Sicht der Justiz zum Tatbestand der "Propaganda gegen das System".
Internationale Auszeichnungen für «Ein einfacher Unfall»
Der Film "Ein einfacher Unfall" gewann im Mai 2025 die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes und war zudem für die Golden Globes und den Oscar nominiert. Damit zählt das Werk zu den international am meisten ausgezeichneten iranischen Produktionen der vergangenen Jahre. Die Auszeichnung gilt in der Filmwelt als eine der höchsten Ehrungen und verschaffte Panahi internationale Aufmerksamkeit.
Beim Festival in Cannes war es Panahi im Mai 2025 nach 15 Jahren erstmals wieder möglich, persönlich in der französischen Küstenstadt zu erscheinen. Die Teilnahme galt als politisches Signal, da der Regisseur über lange Zeit mit Ausreiseverboten und beruflichen Einschränkungen belegt war. Die Goldene Palme für "Ein einfacher Unfall" wurde international als Anerkennung seines bisherigen Werks unter den Bedingungen staatlicher Repressionen gewertet.
Vorgeschichte: Festnahmen und Repressionen
Panahi gilt seit Jahren als prominenter Kritiker des islamischen Systems und wurde in der Vergangenheit mehrfach festgenommen. Bereits 2010 saß er im Iran knapp drei Monate in Haft, 2022 und 2023 waren es zusammengenommen rund sieben Monate. Seine berufliche Tätigkeit und seine Reisefreiheit unterliegen seit langem strikten Einschränkungen durch die iranischen Behörden.
Trotz der drohenden Inhaftierung war Panahi am 30. März überraschend in den Iran zurückgekehrt, um seine Haftstrafe juristisch anzufechten. Die Rückkehr erfolgte nach Angaben aus seinem Umfeld während einer Phase bewaffneter Auseinandersetzungen, was das persönliche Risiko zusätzlich erhöhte. Mit der Entscheidung des Revolutionsgerichts ist der Versuch einer juristischen Korrektur des Urteils vorerst gescheitert.
Richter Afshari und EU-Sanktionen
Das Urteil wurde laut Berichten unter dem Vorsitz von Richter Iman Afshari gefällt. Gegen Afshari hat die Europäische Union Sanktionen verhängt. Afshari ist nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen für harte Urteile gegen Regierungskritiker bekannt. Das Verfahren reiht sich damit in eine Serie politisch motivierter Strafverfahren ein, die international kritisiert werden.
Im internationalen Kontext wird das Vorgehen gegen Panahi von Filmverbänden und Menschenrechtsorganisationen als Versuch gewertet, kritische Stimmen in der iranischen Kulturszene zum Schweigen zu bringen. Die Kombination aus Haftstrafe, Berufs- und Reiseverbot sowie Politik- und Vereinsverbot schränkt die Handlungsfähigkeit des Regisseurs auf absehbare Zeit drastisch ein. Die juristischen Möglichkeiten auf nationaler Ebene erscheinen nach der Entscheidung des Revolutionsgerichts weitgehend ausgeschöpft.
Reaktionen und Ausblick
Die Entwicklungen um Panahi stehen beispielhaft für das Schicksal zahlreicher Kulturschaffender im Iran, die sich kritisch mit dem politischen System auseinandersetzen. Ungeachtet der internationalen Auszeichnungen für "Ein einfacher Unfall" bleibt abzuwarten, wie der Regisseur mit der rechtskräftigen Verurteilung umgeht und ob weitere juristische Schritte eingelegt werden. Beobachter rechnen damit, dass der Fall die Debatte über die Kunstfreiheit in Iran weiter verschärfen wird.
