IAEA bestätigt Drohnenschaden am Turbinengebäude des Akw Saporischschja – Russland und Ukraine weisen sich gegenseitig Schuld zu
Wien, 31. Mai 2026
AI-generated image (flux-2/pro-text-to-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Die Internationale Atomenergiebehörde hat Schäden an der Wand eines Turbinengebäudes des von Russland besetzten Atomkraftwerks Saporischschja bestätigt. Während Russland von einem ukrainischen Drohnenangriff spricht, weist die Ukraine die Vorwürfe als Propaganda zurück.
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat am Samstag Schäden an einem Turbinengebäude des von russischen Truppen besetzten Atomkraftwerks Saporischschja in der Südukraine bestätigt, die nach Angaben des russischen Staatskonzerns Rosatom durch einen ukrainischen Kampfdrohnenangriff verursacht wurden.
IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi erklärte, dass die Beschädigung der Außenwand des Turbinengebäudes mit einem Drohneneinschlag vereinbar sei. Die IAEA-Experten vor Ort hätten nach der Sichtung des Schadens keine erhöhte Strahlung gemessen.
Grossi warnte eindringlich vor den Gefahren solcher Vorfälle. „Atomanlagen anzugreifen heißt, mit dem Feuer zu spielen“, sagte er. Es dürfe keinerlei von dem Kraftwerk ausgehenden oder gegen das Kraftwerk gerichteten Angriffe geben.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Der Chef des russischen Staatskonzerns Rosatom, Alexei Likhachev, beschuldigte die Ukraine eines gezielten Angriffs. Die Drohne sei über ein Glasfaserkabel gesteuert worden, was einen versehentlichen Treffer ausschließe. Ziel sei die Maschinenhalle von Reaktor 6 gewesen.
Likhachev zufolge wurden keine kritischen Anlagen beschädigt, jedoch sei ein Loch in die Wand einer Turbinenhalle gerissen worden. „Heute sind wir einem Ereignis einen Schritt näher gekommen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch diejenigen betreffen wird, die weit jenseits der Grenzen Russlands und der Ukraine leben“, sagte er.
Das ukrainische Außenministerium wies die Anschuldigungen umgehend zurück und sprach von russischer Desinformation und Propaganda. Es sei nicht nachvollziehbar, warum die Ukraine ein Kraftwerk auf ihrem eigenen Territorium angreifen sollte, das sie selbst wieder unter ihre Kontrolle bringen will.
Die Rolle der IAEA und der Zustand des Kraftwerks
Auch das ukrainische Militär bezeichnete die russischen Vorwürfe als Propagandatrick. Die Ukraine beschrieb den Vorfall als einen Versuch Russlands, „nukleare Erpressung“ zu betreiben. Unabhängige Beweise für einen ukrainischen Drohnenangriff wurden nicht vorgelegt.
Die IAEA, die grundsätzlich keine Schuldzuweisungen nach solchen Zwischenfällen vornimmt, forderte Zugang zu dem betroffenen Gebäude. Die Behörde hat ein ständiges Expertenteam in dem Kraftwerk stationiert, das die Sicherheitslage überwacht.
Das Atomkraftwerk Saporischschja, das größte Europas, befindet sich seit März 2022 unter russischer Kontrolle. Alle sechs Reaktoren sind aus Sicherheitsgründen abgeschaltet, radioaktives Material befindet sich jedoch weiterhin auf dem Gelände. Das Kraftwerk benötigt zudem Strom für seine Kühl- und Sicherheitssysteme.
Seit Beginn der russischen Offensive im Februar 2022 haben sich beide Seiten wiederholt gegenseitig vorgeworfen, mit Angriffen auf das Kraftwerk eine nukleare Katastrophe zu riskieren. Ende April war bei einem Drohnenangriff auf das Werksgelände nach russischen Angaben ein Mitarbeiter ums Leben gekommen.
Weitreichende Drohnenangriffe auf russische Regionen
Die IAEA-Inspektoren mussten sich am Samstag in Sicherheit bringen, nachdem sie Drohnengeräusche und Schüsse gehört hatten. Die Anlagenleitung informierte die IAEA über den möglichen Drohnenangriff und meldete, dass eine Drohne angeblich ein Loch in der Mauer verursacht habe.
Parallel zu dem Vorfall in Saporischschja meldeten russische Behörden in der Nacht zum Sonntag ukrainische Drohnenangriffe auf Industrie- und Energieanlagen in mehreren russischen Regionen. Betroffen waren nach Angaben eines Sprechers des russischen Verteidigungsministeriums die Gebiete Saratow, Kirow, Rostow am Don, Woronesch und Belgorod.
In Belgorod wurden drei Zivilisten verletzt. Der Gouverneur der Region Kirow, Alexander Sokolow, berichtete von einem Drohnenangriff auf eine Anlage im Bezirk Urschumski, rund 1.300 Kilometer von ukrainisch kontrolliertem Gebiet entfernt. In der Region Saratow wurde zivile Infrastruktur beschädigt.
Das ukrainische Militär erklärte, es habe die russische Ölraffinerie in Saratow angegriffen und einen Großbrand verursacht. Die russische Seite bestätigte die Angriffe auf die Raffinerie. Auch ein Öldepot nahe der Stadt Taganrog in der Region Rostow am Asowschen Meer geriet unter Beschuss.
Ukrainische Luftverteidigung und Warnungen vor Eskalation
Auf der von Russland kontrollierten Halbinsel Krim kündigte der von Moskau eingesetzte Gouverneur Sergej Aksjonow Einschränkungen beim Benzinverkauf an. Einen Grund nannte er nicht. Es ist unklar, ob die Maßnahmen mit den anhaltenden ukrainischen Angriffen auf die Treibstoffinfrastruktur Russlands zusammenhängen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte unterdessen, die Ukraine habe ein weiteres Luftverteidigungssystem vom Typ Iris-T aus Deutschland erhalten. Er betonte, dass die ukrainischen Streitkräfte auch Raketen für die Systeme benötigten. Zudem erneuerte Selenskyj seine Warnung vor einem massiven russischen Angriff und verwies auf rund 300 russische Raketen.
Die Vorfälle reihen sich in eine Serie gegenseitiger Drohnenangriffe ein, die im mittlerweile mehr als vier Jahre andauernden Krieg zur Routine geworden sind. Die IAEA mit Sitz in Wien zeigte sich angesichts der Entwicklung zutiefst besorgt und betonte, dass Angriffe auf Atomanlagen fundamentale Prinzipien der nuklearen Sicherheit gefährden.
Fragen & Antworten
Was genau ist am Akw Saporischschja passiert?
Nach Angaben der IAEA wurde die Außenwand eines Turbinengebäudes beschädigt, was mit einem Drohneneinschlag vereinbar ist. Russland spricht von einem ukrainischen Angriff, die Ukraine weist dies zurück.
Besteht eine Gefahr durch radioaktive Strahlung?
Nein, die IAEA-Experten vor Ort haben nach dem Vorfall keine erhöhte Strahlung gemessen. Kritische Anlagen wurden laut Rosatom nicht beschädigt.
Warum ist das Akw Saporischschja so umkämpft?
Das Kraftwerk ist das größte Europas und liegt nahe der Frontlinie. Seit März 2022 ist es von Russland besetzt, und beide Kriegsparteien werfen sich gegenseitig Angriffe vor, die eine nukleare Katastrophe auslösen könnten.