Festnahme nach Schüssen auf Skrepezki in Polen | finanz360
Festnahme nach Todesschüssen auf russischen Exil-Künstler in Polen – Warschau vermutet politischen Mord im Auftrag Moskaus
Warschau, 19 Juni 2026
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Kurzfassung
Nach den tödlichen Schüssen auf den russischen Aktionskünstler Semjon Skrepezki in Ostpolen hat die polnische Polizei einen 36-jährigen Verdächtigen mit georgischem Pass festgenommen. Ministerpräsident Donald Tusk sprach von einem vermutlich politischen Mord und schloss staatlichen Terrorismus durch Russland nicht aus.
Warschau, 19 Juni 2026
Nach dem tödlichen Angriff auf den in Polen im Exil lebenden russischen Aktionskünstler Semjon Skrepezki haben polnische Ermittler einen 36-jährigen Verdächtigen mit einem georgischen Pass festgenommen, gegen den Hinweise auf einen möglichen Auftragsmord im Auftrag Moskaus geprüft werden.
Der russische Aktionskünstler und Karikaturist Semjon Skrepezki, der mit bürgerlichem Namen Robert Kusowkow hieß, wurde am Montag in der ostpolnischen Kleinstadt Biała Podlaska auf der Straße mit fünf Schüssen getötet. Nach Angaben der polnischen Polizei wurde der 44-Jährige am helllichten Tag unweit seines Hauses bei einem Spaziergang aus nächster Nähe erschossen.
Tatort Biała Podlaska
Die Tat ereignete sich vier Tage vor der Festnahme des mutmaßlichen Schützen. Skrepezki lebte seit 2021 gemeinsam mit seiner Familie in Polen, nachdem er Russland nach eigenen Angaben verlassen hatte, um politischer Verfolgung zu entgehen. Biała Podlaska hat etwas mehr als 50.000 Einwohner und liegt nahe der belarusischen Grenze, die Polen in den vergangenen Jahren mit einem großen Zaun gesichert hat.
Bereits am Montag waren zwei Männer aus Belarus vorübergehend festgenommen worden. Sie wurden jedoch wieder freigelassen, weil eine Beteiligung an der Tat nicht nachgewiesen werden konnte. Am Donnerstagmorgen klickten dann in einem Hostel im Ort Piastow bei Warschau die Handschellen: Polizeikräfte, darunter eine Antiterroreinheit, nahmen einen 36-jährigen Mann fest, der einen georgischen Pass benutzte. Der Zugriff erfolgte nach Auswertung von Überwachungsaufnahmen vom Tatort und der Analyse von Telefonverbindungen.
Festnahme bei Warschau
Der polnische Innenminister Marcin Kierwiński erklärte in Warschau, der Verdächtige habe einen georgischen Pass genutzt und sei 36 Jahre alt. „Ich betone, dass wir es mit einer Person zu tun haben, die Verbindungen ins organisierte Verbrechen hat“, sagte Kierwiński. Die Polizei nehme an, dass er auch mit anderen Verbrechen in Polen in Verbindung gebracht werden könne – unter anderem aus dem Jahr 2022. Polnische Medien wie der Radiosender RMF berichteten zudem, es gebe Hinweise auf einen gefälschten Pass; es könnte sich bei dem Mann um einen Tschetschenen handeln.
Tusk spricht von politischem Mord
Ministerpräsident Donald Tusk kündigte die Festnahme am Donnerstag in Warschau an und äußerte sich zugleich mit ungewöhnlich deutlichen Worten zum möglichen Hintergrund der Tat. „Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen politischen Mord handelt“, sagte Tusk. „Sollte dies im Auftrag Russlands geschehen sein, wäre dies ein sehr schwerwiegender Vorfall von internationaler Tragweite. Das ist Staatsterrorismus, eine sehr ernste Angelegenheit.“ Tusk sprach zudem davon, dass es in Polen der erste politisch motivierte Mord im Auftrag eines ausländischen Staates wäre, sollte sich der Verdacht erhärten.
Geheimdienste im Verdacht
Der Geheimdienstkoordinator der polnischen Regierung, Tomasz Siemoniak, schloss sich dieser Einschätzung an. „Die Hypothese darüber, wer hinter dem Mord stecken kann, ist ziemlich offensichtlich. Sie ergibt sich aus den Aktivitäten des ermordeten russischen Staatsbürgers. Er war ein Kritiker von Putin, Kadyrow – also dafür braucht man erstmal keine besonderen Hinweise. Die Beweise dafür wollen wir gewinnen“, sagte Siemoniak. Zugleich verwies er auf ein bekanntes Muster: „Es sei eine bekannte Vorgehensweise fremder Dienste, Kriminelle für verschiedene Aktionen anzuheuern“, sagte er. Der Verdacht auf eine Beteiligung ausländischer Geheimdienste und Staaten werde intensiv geprüft. Der Festgenommene habe zudem eine kriminelle Vergangenheit, ergänzte Siemoniak.
Skrepezki war nach Angaben der polnischen Behörden russischer Staatsbürger und lebte seit 2021 mit seiner Familie in Polen. Bekannt wurde er durch provokante Karikaturen von Kremlchef Wladimir Putin, Sowjetdiktator Josef Stalin und dem belarusischen Machthaber Alexander Lukaschenko. Auch der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow war Zielscheibe von Skrepezkis Spott. „Er übte scharfe Kritik – an ziemlich allen: an der russischen Opposition, an der Ukraine, am belarusischen Machthaber Alexander Lukaschenko, aber vor allem am Kremlchef Wladimir Putin und dem tschetschenischen Anführer Ramsan Kadyrow“, beschrieb der Deutschlandfunk das Werk des Künstlers. Noch in der Woche vor seinem Tod hatte Skrepezki in Berlin vor der russischen Botschaft gegen den Ukraine-Krieg protestiert und dabei ein Bild hochgehalten, das an eine Ikone erinnerte, allerdings mit Josef Stalin, der Putin im Arm hält.
Sicherheitslage in Polen
Polnische Sicherheitsdienste hatten dem Künstler eigenen Angaben zufolge Schutz angeboten – er habe diesen Vorschlag jedoch abgelehnt. Der Sicherheitsexperte Jacek Raubo von der Universität Posen warnte vor einer möglichen Eskalation. „Besteht die Gefahr, dass solche Angriffe auch Bürger von Nato-Staaten treffen, die Putin kritisch gegenüberstehen oder sich für die Ukraine engagieren“, sagte er. „Falls dies im Auftrag Russlands begangen worden sein sollte, gehe es um einen schwerwiegenden Vorfall von internationaler Tragweite.“ Die Sicherheitslage in Polen habe sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor mehr als vier Jahren deutlich verschärft, schrieb der Sender.
Der Pressesprecher der Woiwodschaft Lublin, Andrzej Fijołek, erklärte zum Ablauf der Festnahme: „Laut unserer Ermittlungsarbeit ist es eindeutig die Person, die mehrmals abgedrückt hat und danach vom Ort geflüchtet ist.“ Die Identität des Festgenommenen werde noch überprüft, „aber höchstwahrscheinlich handelt es sich tatsächlich um einen georgischen Staatsbürger“, sagte Fijołek. Derzeit deute alles darauf hin, dass der Mann eher allein gehandelt habe, um den Anschlag zu verüben. Die Ermittler haben allerdings die Tatwaffe noch nicht gefunden. Es werde zudem geprüft, ob jemand dem Verdächtigen bei der Planung der Tat oder bei der Flucht geholfen habe, sagte der Polizeisprecher.
Ermittlungen und offene Fragen
Die polnischen Behörden erklärten, auch Hinweise aus der Bevölkerung erhalten zu haben, die für die Ermittlungen und schließlich auch für die Festnahme hilfreich gewesen seien. Aus den Berichten in polnischen Medien folgt, dass es offenbar mehrere Personen gibt, die etwas mit der Tat zu tun haben könnten. Von Behördenseite gab es dazu allerdings keine weiteren Angaben.
Die Generalbundesstaatsanwaltschaft in Deutschland verfolgt seit Jahren eine Reihe ähnlicher Fälle. Erst 2019 war im Kleinen Tiergarten in Berlin ein Georgier von einem russischen Agenten erschossen worden; der verurteilte Täter war später im Rahmen eines größeren Gefangenenaustauschs freigekommen. Auch in Polen gibt es Hinweise, dass Kadyrow Gegner nicht nur in Russland, sondern auch im Ausland verfolgen lässt. „Aber natürlich geht es auch darum, dass das mit dem Kreml verbundene Belarus als feindlicher Staat angesehen wird“, sagte die polnische Journalistin Jana Pilker mit Blick auf den Grenzzaun.
Kontext: Angriffe auf Exilanten in Europa
Polen hat in den vergangenen Jahren seine Rolle als östliche Flanke der EU und der NATO ausgebaut, unterstützt die Ukraine und ist ein Drehkreuz für internationale Militärhilfe an Kiew. Mehr als eine Million Ukrainer, zehntausende Belarusen und viele Russen haben in Polen Zuflucht gefunden. Moskau versuche, das Sicherheitsgefühl in europäischen Staaten zu untergraben, hieß es im Bericht des Senders. Der Vorfall in Biała Podlaska trifft damit ein Land, das ohnehin im Fokus russischer Desinformations- und Sabotageoperationen steht.
Skrepezkis Tod schlägt in eine Reihe von Angriffen auf russische Oppositionelle im Exil, die in den vergangenen Jahren in Europa verübt wurden. Polnische Experten werten die Tat als gezielte Drohung gegen alle moskaukritischen Exilanten. Pilker wies darauf hin, dass der russische Staat offenbar humoristische Kritik sogar noch stärker verfolge als klare politische Aussagen. Damit gewinnt der Fall über die Person des Künstlers hinaus eine grundsätzliche Bedeutung für die Sicherheit russischer Dissidenten in Europa.
Die Nachricht wurde am 18.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet, die Meldung der polnischen Nachrichtenagentur PAP ist auf den 19.6.2026 datiert. Für die laufenden Ermittlungen ist die regionale Polizeibehörde in Lublin zuständig.
Fragen & Antworten
Wer war Semjon Skrepezki?
Skrepezki (bürgerlich Robert Kusowkow) war ein 44-jähriger russischer Aktionskünstler und Karikaturist, der seit 2021 mit seiner Familie im polnischen Biała Podlaska im Exil lebte. Bekannt wurde er durch provokante Karikaturen von Wladimir Putin, Josef Stalin, Alexander Lukaschenko und Ramsan Kadyrow.
Wer wurde nach der Tat festgenommen?
Die polnische Polizei nahm am Donnerstagmorgen in einem Hostel in Piastow bei Warschau einen 36-jährigen Mann mit georgischem Pass fest. Innenminister Marcin Kierwiński erklärte, der Mann habe Verbindungen ins organisierte Verbrechen und werde möglicherweise mit weiteren Straftaten in Polen in Verbindung gebracht, darunter eine aus dem Jahr 2022.
Warum vermutet die polnische Regierung eine russische Beteiligung?
Ministerpräsident Donald Tusk sagte, „alles deutet darauf hin, dass es sich um einen politischen Mord handelt“, und bezeichnete eine russische Auftragstäterschaft als „Staatsterrorismus“. Geheimdienstkoordinator Tomasz Siemoniak verwies auf Skrepezkis scharfe Kritik an Putin und Kadyrow sowie auf die bekannte Praxis ausländischer Dienste, Kriminelle als ausführende Täter anzuheuern.