EU-Russland-Gesandter: Keine Ernennung trotz Eskalation | finanz360
EU will vorerst keinen Russland-Gesandten ernennen – Kiew unter schwerem Beschuss
Brüssel, 28. Mai 2026
Press Service of the President of Ukraine / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
Die Europäische Union sieht vorerst von der Ernennung eines Sonderbeauftragten für mögliche Friedensverhandlungen mit Russland ab. Unterdessen hat die Ukraine neue Gegenschläge im russischen Hinterland angekündigt, während Moskau mit massiven Angriffen auf Kiew droht.
Die EU-Außenminister beraten bei einem informellen Treffen auf Zypern über weitere Sanktionen gegen Russland, während die Gewalt in der Ukraine mit schweren Angriffen auf Kiew und neuen Drohungen Moskaus eskaliert.
Die Europäische Union wird vorerst keinen Sondergesandten für mögliche Friedensverhandlungen mit Russland im Ukraine-Krieg ernennen. Mehrere hochrangige EU-Beamte und Diplomaten bestätigten der Nachrichtenagentur dpa, dass zunächst Strategiefragen geklärt werden müssten, bevor über eine solche Personalie entschieden werden könne.
EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und führende Mitgliedstaaten wie Deutschland halten die Ernennung eines Russland-Beauftragten derzeit nicht für sinnvoll. Es wird nicht davon ausgegangen, dass der russische Präsident Wladimir Putin gegenwärtig verhandlungsbereit ist.
Bei dem informellen Treffen der EU-Außenminister auf Zypern sollen weitere Sanktionen gegen Russland vorbereitet werden. Die Beratungen finden vor dem Hintergrund einer dramatischen Eskalation der Kämpfe in der Ukraine statt.
Ukrainische Gegenschläge und russische Drohungen
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte nach Beratungen mit seiner Militärführung neue Gegenschläge im russischen Hinterland an. In seiner abendlichen Videoansprache aus Kiew erklärte er, die Angriffe seien notwendig, um Moskau begreiflich zu machen, dass es für seinen Angriffskrieg mit eigenen Verlusten bezahlen müsse.
Die ukrainischen Angriffe zielen insbesondere auf Einrichtungen der russischen Ölindustrie. Kiew will damit Moskaus Einnahmen aus Energieexporten verringern, die für die Finanzierung der Kriegswirtschaft von zentraler Bedeutung sind.
Russland reagierte mit scharfen Drohungen. Das Außenministerium in Moskau kündigte an, die Streitkräfte würden systematische Angriffe gegen militärische und politische Entscheidungszentren in Kiew beginnen. Ausländer wurden aufgefordert, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen.
Am Sonntag hatte Russland Kiew massiv beschossen und dabei eine nuklearfähige Hyperschallrakete vom Typ Oreschnik eingesetzt. Es war bereits der dritte Einsatz dieser Waffe. Bei den Angriffen starben zwei Menschen, 91 wurden verletzt.
Diplomatische Reaktionen und Schäden in Kiew
Das Büro der Deutschen Welle und das ARD-Studio in Kiew wurden massiv beschädigt und teilweise zerstört. Der russische UNO-Botschafter erklärte, das ARD-Studio in Kiew sei unabsichtlich getroffen und stark zerstört worden. Russland bezeichnete die Schäden als Kollateralschaden.
Die EU wies russische Forderungen nach einem Abzug ihres diplomatischen Personals aus Kiew zurück. Katarina Mathernova, Leiterin der EU-Vertretung in Kiew, stellte klar: „Die EU-Vertretung werde in Kyjiw bleiben.“
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha rief die Verbündeten dazu auf, sich nicht von Russland erpressen zu lassen. Die EU bestellte zudem den Geschäftsträger der russischen Botschaft in Brüssel ein.
Eine Sprecherin der EU-Kommission, Anitta Hipper, bezeichnete die russischen Drohungen auf X als „inakzeptable Eskalation“. Die EU forderte Russland auf, die Beschießung von Zivilisten einzustellen und einer „vollständigen und bedingungslosen Waffenruhe“ zuzustimmen.
Auch die Bundesregierung bestellte den russischen Botschafter ein. Russland begründete sein Vorgehen mit einem ukrainischen Drohnenangriff auf ein Studentenwohnheim in der von Russland kontrollierten Region Luhansk, den die Ukraine bestreitet und stattdessen von einem Angriff auf eine militärische Kommandoeinheit spricht.
Internationale Vermittlungsbemühungen
US-Außenminister Marco Rubio sagte, die USA wollten bei der Vermittlung im Ukraine-Krieg weiterhin eine Rolle spielen. Er erklärte: „Jedes Mal, wenn man diese massiven Angriffe der einen oder anderen Seite sieht, ist dies eine mahnende Erinnerung daran, warum dies ein schrecklicher Krieg ist. Er muss beendet werden.“
Unterdessen hat Russland ein Gesetz verabschiedet, das der Zentralbank und anderen Finanzinstituten erlaubt, Drohnen in eigener Zuständigkeit abzuschießen. Auch die Sberbank und der russische Geldtransportverband dürfen künftig eigene Verteidigungssysteme betreiben und ihr Personal bewaffnen.
Präsident Putin lockt unterdessen neue Rekruten mit Schuldenerlass von bis zu fast 120.000 Euro. Das Dekret gilt für alle Russen, die ab dem 1. Mai einen Vertrag mit der Armee unterzeichnet haben, sowie für deren Ehefrauen. Die Rekruten müssen sich zu mindestens einem Jahr Dienst verpflichten.
Militärische Entwicklungen und Rekrutierung
In der Ostukraine gingen die Kämpfe unterdessen weiter. Bei neuen russischen Luftangriffen wurde mindestens ein Mensch getötet und 15 weitere verletzt. In Kramatorsk in der Region Donezk wurden am Montagabend zwölf Menschen, darunter ein achtjähriger Junge, durch gelenkte Gleitbomben verletzt.
Selenskyj hat unterdessen einen Brief nach Washington geschickt, in dem er dringend um Hilfe bittet. Er beklagt einen Mangel an Flugabwehrsystemen und schreibt, die Ukraine sei beim Schutz vor ballistischen Raketen fast vollständig von den Vereinigten Staaten abhängig.
Kaja Kallas warnte die US-Regierung vor einem Abzug amerikanischer Soldaten aus Europa. Sie sagte dem Spiegel: „Eine solche Ankündigung zwinge Europa, noch weiter in die eigene Sicherheit zu investieren.“ Und weiter: „Die Kehrseite für Amerika ist: Wenn Europa unabhängiger von den USA wird, verlieren die Vereinigten Staaten auch ihren Einflusshebel.“
Hilfeersuchen und geopolitische Spannungen
Die Schweiz plant unterdessen, die Regeln für Personen mit Schutzstatus S anzupassen, was Flüchtlinge aus der Ukraine betrifft. Litauen kauft mehr als 900 gepanzerte Fahrzeuge aus Finnland.
Russland meldete die Eroberung weiterer Ortschaften in der Ukraine. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau sind Hraniw in der Region Charkiw und Wosdwyschiwka in der Region Saporischschja unter russische Kontrolle geraten.
Fragen & Antworten
Warum ernennt die EU derzeit keinen Sondergesandten für Russland?
Mehrere EU-Beamte und Diplomaten halten es für notwendig, zunächst Strategiefragen zu klären, bevor eine solche Personalie entschieden wird. Zudem wird nicht angenommen, dass Präsident Putin derzeit verhandlungsbereit ist.
Was hat Wolodymyr Selenskyj nach den jüngsten Angriffen angekündigt?
Selenskyj kündigte neue Gegenschläge im russischen Hinterland an, die insbesondere auf Einrichtungen der Ölindustrie zielen, um Moskaus Einnahmen für die Kriegsfinanzierung zu verringern.
Welche Schäden entstanden bei den Angriffen auf Kiew am Sonntag?
Bei den Angriffen mit einer Oreschnik-Hyperschallrakete starben zwei Menschen und 91 wurden verletzt. Das ARD-Studio und das Büro der Deutschen Welle wurden massiv beschädigt und teilweise zerstört.