Bonn-Klimakonferenz endet mit gedämpfter Bilanz und Blick auf Antalya
Bonn, 18 Juni 2026
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Kurzfassung
Die zehnjährige Bonner Vorbereitungskonferenz für die Weltklimakonferenz COP31 ist am Donnerstag mit mehr als 5.000 Delegierten zu Ende gegangen. UN-Klimachef Simon Stiell sprach von Fortschritten in Teilbereichen, aber auch von Stillstand und der Notwendigkeit klarer Finanzzusagen bis zur Konferenz im November im türkischen Antalya.
Bonn, 18 Juni 2026
Die zehntägige Vorbereitungskonferenz der Vereinten Nationen für die Weltklimakonferenz COP31 ist am Donnerstag in Bonn zu Ende gegangen, an der nach Angaben der Veranstalter mehr als 5.000 Delegierte aus Regierungen, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft teilnahmen.
Gemischte Bilanz von Stiell
An der Bonner Konferenz hatten seit Anfang vergangener Woche mehr als 6.500 Delegierte aus Regierungen, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft fast aller UN-Mitgliedstaaten teilgenommen. Damit war das Treffen am Sitz des UN-Klimasekretariats einer der größten Vorbereitungstermine im internationalen Klimaprozess der vergangenen Jahre. Hauptziel war die technische und politische Vorbereitung der nächsten Weltklimakonferenz COP31, die im November im türkischen Antalya stattfinden soll.
UN-Klimasekretär Simon Stiell zog bei der Abschlusspressekonferenz eine gemischte Bilanz. Es seien in Schlüsselbereichen echte Fortschritte erzielt worden, in anderen Bereichen habe es jedoch Ausflüchte und Verzögerungen gegeben: "In Schlüsselbereichen haben wir echte Fortschritte erzielt. In anderen Bereichen gab es Ausflüchte und Verzögerungen. Wir haben gesehen, wie geopolitische Spannungen diese Säle durchzogen haben." Die Türkei, die im November die Konferenzpräsidentschaft übernimmt, brachte nach Angaben mehrerer Teilnehmer den ambitionierten Vorschlag ein, den Anteil von Strom am Endenergieverbrauch weltweit bis 2035 auf 35 Prozent zu steigern – gegenüber derzeit rund 20 Prozent.
Türkei setzt Elektrifizierungsziel auf 35 Prozent
Murat Kurum, designierter Präsident der COP31, begründete den Vorstoß mit der Notwendigkeit, Fabriken und Fahrzeuge stärker mit Strom zu versorgen und klimaschädliche Energieträger wie Kohle, Öl und Gas zurückzudrängen: "Wir wollen die Energiewende vorantreiben, indem wir den weltweiten Elektrifizierungsgrad auf 35 Prozent steigern." Die Internationale Energieagentur beziffert den heutigen Stromanteil am Endenergieverbrauch auf etwa 20 Prozent. Der Vorschlag wurde von mehreren Umweltorganisationen, darunter Germanwatch, ausdrücklich begrüßt. Laura Schäfer von Germanwatch bezeichnete die türkische Initiative als "gutes Signal" und forderte zugleich konkrete nationale Maßnahmen: "Nun kommt es darauf an, diese Zielsetzung durch konkrete nationale Maßnahmen zu unterlegen - auch in Deutschland."
Neben der Energieinitiative blieben jedoch die großen Streitfragen des Pariser Klimaabkommens offen. Im Mittelpunkt stand die Klimafinanzierung, also die Frage, wie reiche Industriestaaten Entwicklungsländer bei der Minderung von Treibhausgasen und der Anpassung an die Folgen der Erderwärmung unterstützen. Entwicklungsländer hatten bereits vor dem Bonner Treffen angekündigt, bei der COP31 in Antalya die auf der COP29 in Baku vereinbarte Herkunft und Struktur der Klimaschutz- und Anpassungsfinanzierung neu verhandeln zu wollen.
Klimafinanzierung bleibt umstritten
Jan Kowalzig von Oxfam beschrieb die Lage als grundsätzlichen Konflikt: "Da gibt es im Moment unüberwindbare Widersprüche in den jeweiligen Positionen und das wird uns dann wahrscheinlich auch auf der Klimakonferenz in diesem Jahr wieder begegnen." Fentje Jacobsen vom WWF Deutschland sprach von einem "Thema mit großem Leidensdruck": "Wie schon so oft sei das 'liebe Geld' auch in Bonn ein Thema mit großem Leidensdruck geblieben." Greenpeace-Klimaexperte Jannes Stoppel kritisierte eine "strukturelle Lähmung": "Wir haben hier in Bonn eine strukturelle Lähmung erlebt. Die Verhandlungen gingen mit 'Trippelschritten' voran, dabei sind eigentlich Siebenmeilenstiefel nötig."
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) wertete das Treffen dennoch als Bestätigung des gemeinsamen Rahmens. "Für Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat sich bei der UN-Klimakonferenz in Bonn gezeigt, dass das Pariser Klimaankommen trotz aller geopolitischen Spannungen der gemeinsame Maßstab bleibt." Das Abkommen bleibe "trotz aller Spannungen der Maßstab", die Umsetzung müsse aber deutlich schneller werden. Schneider sprach zugleich von "schweren" Angriffen auf die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimapolitik und forderte: "bereits im Vorlauf der nächsten Konferenz im türkischen Antalya im November müssten klare Finanzzusagen und konkrete Umsetzungspläne auf den Tisch".
Schneider sieht Paris-Abkommen bestätigt
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verband seine Bewertung mit konkreten Erwartungen an die kommenden Monate. "Es gehe jetzt darum, dass bis zur Weltklimakonferenz im November in Antalya möglichst viele weitere Staaten ambitionierte neue Klimaziele vorlegten." Antalya könne "der Gipfel werden, bei dem aus politischen Zusagen messbare Fortschritte" würden. Klimaschutz entscheide heute längst auch über wirtschaftliche Stärke, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Schneider verwies zudem auf die Verletzlichkeit vieler Staaten durch fossile Preisschocks: "Die kollektive Erfahrung mit der Straße von Hormus, also wie verwundbar die meisten von uns für fossile Preisschocks sind, kann den entscheidenden Unterschied machen."
Eine WWF-Vertreterin begrüßte ausdrücklich, dass eine große Zahl von Staaten aus dem Globalen Süden und Norden sich Angriffen auf die Klimawissenschaft gemeinsam entgegenstelle. Schneider bezeichnete dies als ermutigend. Am Rande der Konferenz hatten Vertreter der Schweiz, Sierra Leones und pazifischer Inselstaaten auf einer Pressekonferenz kritisiert, dass etablierte Fakten zum Klimawandel in Bonn zunehmend in Frage gestellt worden seien. Anne Rasmussen, Verhandlungsführerin der Allianz kleiner Inselstaaten (AOSIS) aus Palau, äußerte sich "äußerst besorgt darüber, dass es die Auseinandersetzung mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen deutlich in den Hintergrund gerückt ist."
Angriffe auf Klimawissenschaft und Folgen der Energiekrise
Auch die indirekten Auswirkungen der aktuellen fossilen Energiekrise spielten in den Gesprächen eine Rolle. Niklas Höhne vom New Climate Institute erklärte: "Dieser Schock ist nachhaltig und viele haben sich jetzt schon entschieden, wegzukommen von den fossilen Energien." Laura Schäfer von Germanwatch warnte zugleich vor einer möglichen Ernährungskrise: "Zusammen mit dem aufziehenden El Niño im Pazifik, der Extremwetter verschärft, könnte das zu einer großen Ernährungskrise führen." Eine in Bonn veröffentlichte Analyse des Climate Action Tracker kam zum Ergebnis, dass längerfristige strukturelle Reformen der Staaten künftige fossile Energiekrisen abfedern könnten.
Ein weiteres Thema war die Beteiligung von Delegationen aus dem Globalen Süden. In einem offenen Brief kritisierten mehr als 80 Umweltverbände, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer, insbesondere aus afrikanischen Staaten und dem Nahen Osten, wegen Visa-Problemen wiederholt nicht oder verspätet zu den Bonner Treffen zugelassen worden seien. Eine ugandische Klimaaktivistin berichtete, das Visaverfahren für Bonn sei umständlich und Absagen schwer nachvollziehbar. Oxfam-Experte Kowalzig betonte zugleich: "Die Elektrifizierung ist prinzipiell ein wichtiger Schritt in Richtung Klimaneutralität, aber nur, wenn sie mit einem konsequenten Umstieg auf erneuerbare Energien begleitet wird."
Visa-Probleme und Teilhabe des Globalen Südens
Kleininselstaaten wiesen darauf hin, dass die Einhaltung des 1,5-Grad-Limits für sie eine "Lebenslinie" darstelle. Die Industrieländer hatten auf der COP29 in Baku zugesagt, Entwicklungsländern jährlich 300 Milliarden Dollar für die Klimafinanzierung bereitzustellen. Stiell erinnerte an diese Zusage und warnte: "Wir können es uns einfach nicht leisten, vorherige Entscheidungen noch einmal zu hinterfragen, bestehende Ziele neu zu verhandeln oder in Rückschritte zu verfallen." Er kritisierte zugleich eine Haltung, die er als "Du-zuerst-Denken" bezeichnete: "Es gebe die Tendenz, vom anderen zu erwarten, dass dieser sich als Erster bewegen solle, das 'Du-zuerst-Denken'. Das ist ein Rezept für Stillstand."
Die COP31 wird gemeinsam von der Türkei und Australien ausgerichtet. Die türkisch-australische Doppelspitze wurde als freiwillige Initiative angekündigt. Beobachter wiesen darauf hin, dass der Erfolg der Konferenz im November wesentlich von der Verhandlungsgeschick der Präsidentschaft in den kommenden sechs Monaten abhängen werde. Fentje Jacobsen vom WWF Deutschland forderte die deutsche Bundesregierung zugleich auf, die Energiewende konsequenter voranzutreiben: "Hier tritt die Bundesregierung aktuell leider auf die Bremse, anstatt die Energiewende mit voller Kraft zu vollziehen."
Ausblick auf COP31 in Antalya
Die Verhandlungen in Bonn befassten sich mit der Reduzierung von Treibhausgasemissionen, der Anpassung an die Folgen des Klimawandels und der Mobilisierung internationaler Klimafinanzierung. Wie aus Verhandlungskreisen verlautete, blieben zentrale Streitfragen, insbesondere zur Klimafinanzierung, ungelöst; die Gespräche seien stark von Verfahrensfragen geprägt gewesen. In der Vergangenheit waren wiederholt Saudi-Arabien und andere Ölstaaten dafür kritisiert worden, entschlosseneren Klimaschutz blockiert zu haben; Beschlüsse in UN-Klimakonferenzen müssen einstimmig gefasst werden.
Am Mittwoch hatten Vertreter mehrerer Länder ihre Sorge geäußert, dass eine Gruppe von Staaten entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse "die Interessen fossiler Energien" verteidige. Die in dem Bericht namentlich nicht genannten Staaten wurden nicht im Detail benannt. Unter den Ländern, die in Bonn ihre Besorgnis zum Ausdruck brachten, befanden sich zahlreiche Entwicklungsländer sowie die Schweiz und die Europäische Union. UN-Klimasekretär Stiell erinnerte an das Pariser Klimaabkommen, das darauf abzielt, die Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf 1,5 Grad zu begrenzen.
Mit Blick auf Antalya formulierte Niklas Höhne die Hoffnung: "Meine Hoffnung wäre, dass so ein Ziel wie das Elektrifizierungsziel tatsächlich abgestimmt wird von allen Ländern." Stiell sprach von "Gruppen, die sich weigern, Verpflichtungen nachzukommen oder den Prozess nicht fortschreiten lassen, bis andere zuerst losmarschieren." Das Bonner Treffen habe aber zugleich gezeigt, dass in einigen Räumen der politische Wille zur Zusammenarbeit erhalten geblieben sei: "In diesen Bereichen haben wir große Fortschritte gemacht."
Die nächste Weltklimakonferenz COP31 ist für November in Antalya geplant. Die Türkei stellt die Konferenzpräsidentschaft. Schneider schloss mit dem Appell, die kommenden Monate für klare Zusagen und konkrete Pläne zu nutzen. Die Bonner Konferenz habe einmal mehr unterstrichen, dass die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Dringlichkeit und politischer Handlungsfähigkeit die zentrale Herausforderung der internationalen Klimapolitik bleibe.
Fragen & Antworten
Was war das zentrale Ergebnis der Bonner Klimakonferenz 2026?
Die zehntägige Vorbereitungskonferenz für die COP31 endete mit einer gemischten Bilanz: UN-Klimasekretär Simon Stiell sprach von Fortschritten in Schlüsselbereichen, aber auch von Stillstand und ungelösten Streitfragen, insbesondere bei der Klimafinanzierung.
Welchen Vorschlag brachte die Türkei als künftige COP31-Präsidentschaft ein?
Die Türkei schlug vor, den Anteil von Strom am weltweiten Endenergieverbrauch bis 2035 auf 35 Prozent zu steigern, gegenüber derzeit etwa 20 Prozent. Der designierte COP31-Präsident Murat Kurum sieht darin einen Hebel, um Fabriken und Fahrzeuge stärker elektrisch zu versorgen und Kohle, Öl und Gas zurückzudrängen.
Warum ist die COP31 in Antalya für den weiteren Klimaprozess entscheidend?
Bei der COP31 im November sollen politische Zusagen in messbare Fortschritte umgesetzt werden, insbesondere zur Klimafinanzierung; zugleich wollen Entwicklungsländer die auf der COP29 in Baku vereinbarte Struktur der Mittel neu verhandeln. Nach Einschätzung von Beobachtern wird der Erfolg wesentlich von der türkisch-australischen Doppelspitze der Konferenzpräsidentschaft abhängen.
Bonn-Klimakonferenz 2026: Ergebnisse, Konflikte, COP31 in | finanz360